Willkommen daheim!

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Donnerstag, 7. März 2019

Kino 2018. Eindrücke



The House That Jack Built

Die Funktionsweise der Waffe entspricht in erster Linie der Funktionsweise des Auges: etwas ins Auge fassen. Ob Jäger oder Krieger, sie müssen, bevor sie ihr Ziel treffen können, immer versuchen, es zu erfassen, es zwischen ihrem Augenwinkel und der Kimme der Waffe auszurichten, genauso wie ein Kameramann die Kamera auf den Gegenstand, den er abfilmt, ausrichten muß. Die Aufforderung: „Ruhe, wir drehen“ unterscheidet sich also nicht sehr von der Aufforderung: „Ruhe wir schießen.“
Paul Virilio, Krieg und Fernsehen (Deutsch bei Hanser)

Irgendwann im Laufe des Films wurde mir bewusst, dass die Morde des Serienkillers lediglich eine Metapher für die Arbeit des Regisseurs sind. Jack ist Lars. In diesem ungemein persönlichen Werkstattbericht sehen wir Jack (Matt Dillon) ständig Leute inszenieren und arrangieren. Er komponiert den passenden Shot (mit dem Gewehr oder sogar der Fotokamera), zeigt Riley Keough wie man richtig schreit und zerbricht sich ständig den Kopf darüber, ob das, was er macht, auch wirklich große Kunst ist.
Was der Film uns hingegen über Serienkiller erzählt, könnte jeder aus seinem popkulturellen Gedächtnis selbst herbeizitieren (mit etwas Hilfe von Wikipedia). Nein, das ist ein Metafilm, ein ziemlich humorvoller noch dazu. Etwas überlang, aber Lars ist ja genauso ein Narziss wie Jack. Und dass von Trier sich in dieser selbstreflexiven Rückschau ausgiebig selbst zitiert, versteht sich wie von selbst (auch die Cannes-Kontroverse und die Björk-Episode sind präsent, mal mehr, mal weniger deutlich).
Der Film ist auch ein ironischer Kommentar darüber, was die Zuschauer von einem Lars-von-Trier-Film erwarten: Kontroverse! Entweder um sie zu genießen oder sich darüber zu echauffieren. Und dafür verdient es Lars natürlich in die Hölle zu kommen. Der Schelm.
Schade nur um die intensive Performance von Matt Dillon, der hier zum Opfer der Egomanie seines Regisseurs wird. Aber auch das gehört zu den Themen des Films: das rücksichtslose Vorgehen gegenüber Figuren wie Schauspielern und alles nur zur Befriedigung des eitlen Künstler-Egos!    



Cold War

Ich mag Synkopen in der Musik und ich mag Synkopen in der Kunst. Ich mag es, die Erwartungen der Zuschauer zu unterwandern, nicht vorhersagbar von A nach B zu gehen, sondern von A nach F zu springen wie im Jazz und zu fragen: Was passiert jetzt? Es ist viel aufregender, mit Synkopierungen zu arbeiten, mit Überraschungen und wechselnden Akkorden.
(…)
Konzentriere dich aufs Kino, auf die Musik, auf die Bilder, auf starke Momente und langweile mich nicht mit der Prosa des Lebens. Ich weiß, dass auch manchmal genau das Gegenteil wahr ist, dass es toll ist, der Prosa des Lebens beizuwohnen. Filmemacher, die dem Realismus verschrieben sind, können das wunderbar, aber mich treiben eher Beats und Synkopen an.
Pawel Pawlikowski im Interview

Die Bilder von Pawlikowskis Cold War verfolgen mich noch immer. Der Film ist wahrscheinlich mein Film des Kinojahres 2018. Interessant, dass er auf der Festivalschiene so gut ankommt und Preise abstaubt, vereinzelt aber auch sehr kalt und distanziert aufgenommen wird. Es wird hier aber auch nichts ausbuchstabiert. Cold War erinnert einen daran, wie kraftvoll es sein kann, etwas nicht zu sagen. Der Film ist konzentriertes Filmemachen, voller großartiger Bilder und vor allem unvergesslicher Gesichter (Kulig und Kot). Aber der wahre Schlüssel ist der Soundtrack von Marcin Masecki, zwischen Folklore und Jazz pendelnd (auch Glenn Gould spielt eine Rolle, genau wie in The House That Jack Built). Emotionen implodieren in diesem Film auf kunstvollste Weise, ohne, dass man den Eindruck bekommt, einer nüchternen Fingerübung beizuwohnen.
Viel weniger Eindruck hatte Ida auf mich gemacht, auch beim kürzlichen Wiedersehen. Nicht, dass er nicht interessant war. Pawlikowskis Filme sind alle irgendwie interessant, die Dokumentarfilme vielleicht etwas mehr als die Spielfilme. Aber das verdichtete, synkopische Erzählen war nie so mitreißend und so präzise wie in Cold War. Pawlikowski hat keine Geduld für alles, was nicht essentiell ist. Alles, was zählt, ist da und noch viel mehr. Hinter den Bildern liegt Schwere. Über den Bildern schwebt Geschichte. Lakonie ist Romantik.


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