Willkommen daheim!

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Mittwoch, 6. Januar 2016

Statt einer Liste – ein Lamento



Bei Eskalierende Träume werden die besten Filme des Jahres in Listen verewigt. Ich habe mich diesmal gegen eine Liste und für einen rant entschieden, ein paar versammelte Gedanken zum momentanen Status des Kinos (und der Kultur) in der Welt. Vieles hat sich über die Jahre angesammelt und nachdem ich ein tolles Statement von Paul Schrader auf youtube gesehen (es ging hauptsächlich um seinen neuen Film The Canyons) sowie ein bierseliges Gespräch mit Sano von Eskalierende Träume geführt habe, dachte ich, das muss jetzt raus.


Wieder ein Jahr vergangen. Zeit für eine Bestenliste. Oder so. Ich hab’s auch versucht. Habe aber bei ebenjenem Versuch sogleich gemerkt, dass es irgendwie nicht geht. Ich schaute mir die Listen der Anderen an und sah nur Euphorie und gute Filme (einige davon wären sicher auch in meiner Liste aufgetaucht) und trotzdem konnte ich mich der Freude nicht anschließen. Jahr für Jahr wird ein Kino gefeiert, das Jahr für Jahr immer ein bisschen mehr verschwindet. Das Kino, das wir gut finden, ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Ein Phänomen, das im Übrigen schon die Saat seiner Zerstörung in sich trägt (weil Filme so verdammt zugänglich sind). Das Kino war mal konkurrenzlos, dann kam das Fernsehen und dann kam Video. Und so weiter. Und heute ist Kino nur eine von vielen verschiedenen Arten der audiovisuellen Unterhaltung. Paul Schrader sagte, youtube ist movies. Alles, was man auf seinem Smartphone heute schaut, ist movies. Und das Kino, das er liebte und versucht hat, wiederzubeleben, ist verschwunden. Der Pessimismus eines alternden Regisseurs?

Natürlich gibt es noch gute Filme. Wird es wohl geben, solange es Filme gibt. Für mich war A Most Violent Year ein Höhepunkt dieses Jahres, ein Film wie aus den Siebzigern. Aber das ist der Knackpunkt. J.C. Chandors Film kommt einem heute beinahe wie ein Anachronismus vor, weil er auf so vielen unterschiedlichen Ebenen funktioniert. Weil er den Zuschauer fordert, inspiriert, nicht eindeutig ist. Film ist das, was zwischen den Bildern passiert. Godard wusste das und hat es auf die Spitze getrieben. Musste er nicht mal. Das Kino selbst hatte es begriffen. Bis sich die Kultur verändert hat, bis die Zuschauer sich verändert haben, bis die Filmemacher sich verändert haben. SCHNITT AUF Das 21. Jahrhundert. Was heute im und um das Kino herum passiert, zeigt uns nur, dass das kulturelle Gedächtnis ein hoffnungsloser Alzheimerpatient ist (vor fünfzehn Jahren hätte man im Kino noch nicht eine Drecks-DVD statt eines 35mm-Prints gescreent, wie das heute üblich geworden ist und diesen desaströsen Umstand auch noch mit einer Rechtfertigung gekrönt). Was heute mit Kultur im Allgemeinen passiert, zeigt nur, dass produziert wird um zu konsumieren. Und was tun wir? Wir konsumieren. Filme sind begraben in Listen, Sehtagebüchern, kaum eine Zeile wert. Aber warum rede ich über Filme?

Der Siegeszug des Fernsehens zeigt sehr schön, warum Filme immer überflüssiger werden. Weil heute von Filmen das erwartet wird, was die Serie erfüllt. Serien werden heute, mehr denn je, konsumiert. Man muss nicht mehr jede Woche auf die Ausstrahlung warten. Man hat DVDs, man hat Streams. Binge-watching ist die bevorzugte Art des Konsums. Wozu dann ein Film, über den man nachdenken muss? Der in einem wochen-, monatelang weiterarbeitet? Den man, Gott behüte, womöglich nicht ganz verstanden hat? Der einen innehalten lässt?
Aber so tot kann Film nicht sein. Blockbuster sind erfolgreicher denn je. Das System funktioniert. George Lucas hat es geschafft. Wir werden Star Wars jetzt nie mehr los. Danke dafür. Was kümmert mich, wenn der neue Star Wars-Film gar nicht so übel ist? Der Pausenhofschläger mag ja auch ein netter Kerl sein, wenn man ihn näher kennt. Aber er bestimmt die Atmosphäre auf dem Pausenhof. Und man gibt ihm halt sein Pausengeld. Manchmal haut er dich dann trotzdem.

Inhalte werden heute eben anders vermittelt. Schneller. Direkter. Brachialer. Film (wenn er sich mal nicht als tosendes Event oder Accessoire zum Bestseller und/oder zum popkulturellem Mythos aufblasen muss, damit man ihn ernst nimmt) wirkt dagegen schwerfällig, umständlich, langsam. So ganz und gar nicht pragmatisch. Deshalb liebe ich Kino. Weil es Sand im Getriebe ist. Weil es die Zeit aufhält. Weil es mich dazu bringt, zu mir zu kommen. Wenn ich es denn zulasse.

Natürlich ist das Kino tot. Nur ist das keine Zustandsbeschreibung, sondern ein Prozess, der in Zeitlupe vor sich geht. Wie der Duschmord in Psycho auf 24 Stunden gedehnt (wie Douglas Gordons Videoinstallation es bereits vorgemacht hat). Man weiß ungefähr, wie er enden wird, aber bis es soweit ist, vergeht eine lange, lange Zeit. Gefühlt.


Dieser Text ist hier zuerst erschienen.

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