Willkommen daheim!

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Sonntag, 13. Dezember 2015

Liebevoll gestaltete Entenfiguren



Eine Erik Wasilewski-Geschichte

Es war keine gute Zeit. Ich hatte meine Bachelorarbeit angemeldet, nunmehr zum zweiten Mal und hatte noch vier Tage, um sie zu schreiben. Es mussten mindestens 27 Seiten werden. Wie sollte ich das machen? Ich hatte davor noch nicht einmal eine Hausarbeit geschrieben, dies hatte meine Exfreundin Beate übernommen. Sie war ein echtes Universalgenie. Sie konnte alles und hatte Spaß daran, es zu zeigen. Sie konnte sich in jedes Thema einlesen und eine fundierte Arbeit dazu verfassen. Sie konnte sogar auf unterschiedlichen Niveau-Graden schreiben, damit dem Professor nicht auffiel, dass die Arbeit nicht von mir war. Mit diesem Talent hätte sie eine Menge Geld verdienen können, aber sie tat es ausschließlich aus Liebe zu mir. Ich hatte echt Schwein für eine gewisse Zeit. Irgendwann aber merkte sie, dass sie es viel besser haben konnte und verließ mich. Beate konnte in wenigen Tagen eine hervorragende wissenschaftliche Arbeit verfassen, inklusive Recherche und Aneignung der Fachterminologie. Ich vermisse sie heute noch.

Jetzt saß ich vor dem Laptop und war am Verzweifeln. Mein Thema, das ich in mühevoller Absprache mit meinem Professor gewählt hatte, war „Existenzialismus und Tod in Literatur und Film – vorgestellt anhand Ian Flemings Casino Royale und dessen Verfilmung durch Martin Campbell“. Das Buch flog hier irgendwo rum, ich hatte es noch nicht gelesen.
Jedenfalls wurde die Zeit langsam knapp, als mich mein alter Freund Arne anrief. Ich war froh über die Ablenkung. Die Realität war bestialisch, sie würde mich noch früh genug kriegen. Davor würde ich mich allerdings so gut es ging vor ihr verstecken.
„Erik, es ist soweit“, sagte er. „Morgen steht das Urteil an.“
Das legendäre Urteil. Morgen würde es also soweit sein. Ich rekapitulierte. Arne jobbte für lange Zeit bei einer Werbeartikelfirma, die sich auf den Verkauf von Tand spezialisierte, und schrieb für diese Texte über „liebevoll gestaltete Entenfiguren“, „traditionell angefertigte Schlüsselanhänger“ und „Feuerzeuge in allen Formen und Farben“. Er bekam jeden Monat 450 €, was an sich nichts ungewöhnliches war. Ungewöhnlich war der Vertrag, der ihm dieses Festgehalt zugestanden hatte. Gearbeitet wurde nämlich nach Bedarf. Was sich als unvorteilhaft gegenüber Arne hätte ergeben können, erwies sich als sein Triumph. Bedarf bestand nämlich nicht oft. So passierte es, dass er monatelang nicht arbeiten musste, aber trotzdem sein Geld bekam. Er schrieb seinem Chef sogar Mails, in denen er um Arbeit bat. Ihm war es ja regelrecht peinlich, für einen ganzen Monat, in dem er nicht gearbeitet hatte, ausgezahlt zu werden. Zumindest beim ersten Mal. Irgendwann gewöhnte er sich daran. Und sein Chef meldete sich auch nicht. Ab und zu flog ein Auftrag herein. Aber das war in wenigen Stunden erledigt. Meine Freunde und ich beneideten Arne. Nicht, dass er sich von dieser Arbeit eine Existenz hätte aufbauen können (die Miete bezahlte seine Oma), aber es war, als ob ein unsichtbarer Gönner jeden Monat seine Geldbörse zückte und ihm 400 € unters Kopfkissen legte, während er schlief. Irgendwie pervers. Aber man gewöhnt sich an alles.


Jedenfalls merkte Arnes direkter Vorgesetzter, dass irgendwas mit diesem Vertrag nicht in Ordnung war. Arne wurde nun häufiger eingesetzt, diesmal vor Ort. Er musste sein Genie dafür verschwenden, Daten zu erfassen und komplizierte Berechnungen mit Microsoft Excel anzustellen. Aber das schien nicht auszureichen. Irgendwann kam sein Chef und fragte ihn ganz ungeniert: „Herr Hennig, möchten sie nicht mal ihren Vertrag ändern?“ Arne wusste sofort, worauf das hinauslaufen würde und verneinte. Sein Chef war nicht erfreut. Die Woche darauf kam er wieder und fragte ihn: „Herr Hennig, möchten sie nicht 200 Stunden nacharbeiten?“ All die Zeit, die Arne nichts zu tun hatte und für die er entlohnt wurde, wollte die Firma jetzt zurück. Cent um Cent. Arne verwies seinen Chef auf den rechtsgültigen Arbeitsvertrag und verneinte. Doch die Zwiebeltaktik seines Chefs ging weiter. Einige Tage später fragte er ein weiteres Mal an: „Herr Hennig, möchten sie nicht kündigen?“ Arne lachte sich halb tot und verneinte. Er ahnte, dass die Sache vielleicht einen unangenehmen Verlauf nehmen könnte. Man hätte seinen Schreibtisch in den Keller verlegen können, ihm Insektenspray in die Hand drücken können und ihn mit folgenden Worten zurücklassen können: „Ach ja, hier unten gibt es auch ein Rattenproblem!“ Man hätte auch allen Angestellten einen Schlüssel für die Toilette geben können, nur ihm nicht. Es gab viele Methoden, unliebsame Mitarbeiter loszuwerden. Doch die Woche darauf kam Arnes Chef wieder durch die Tür und sagte: „Herr Hennig, das hat keinen Sinn mehr. Das Vertrauensverhältnis wurde missbraucht. Wir müssen uns von ihnen trennen.“ Arne wurde mit sofortiger Wirkung entlassen, ohne konkrete Angabe eines Kündigungsgrunds. Also hatte Arne geklagt. Es ging letztlich um eine sehr kleine Summe. Aber das Verfahren dauerte nunmehr fünf Jahre an. Arne hatte sein Studium vernachlässigt, seine sozialen Kontakte, sein Liebesleben. Dafür hatte er ein geradezu enzyklopädisches Wissen über die Firma erworben, die ihm so übel mitgespielt hatte. Er verbrachte einen Großteil der Zeit im Stadtarchiv und las alles, was es zu dem Unternehmen zu lesen gab. Außerdem beschäftigte er sich immer häufiger mit der Juristerei, feuerte sogar seinen Anwalt, weil er sich nicht gut vertreten gefühlt hatte und engagierte einen stadtbekannten Profi, der oft im Fernsehen zu sehen war. Er hatte seine eigene Show, Probst und Partner.
Oft redeten wir mit Arne, er solle die Sache doch endlich hinter sich lassen und sein Leben wieder aufnehmen. Doch je länger der Prozess andauerte, umso unwahrscheinlicher wurde es. Mittlerweile stand zu viel auf dem Spiel. Es ging ums Prinzip. Es ging um den kleinen Mann. Es ging um den Kündigungsschutz. Es ging um David gegen Goliath. Es ging aber auch darum, die Tatsache zu verschleiern, dass Arne zu viel Freizeit hatte.
„Alles, wofür ich gearbeitet habe,“ sagte Arne, „alles, wofür ich gekämpft habe, wird sich morgen entscheiden.“
„Das ist schön“, sagte ich. „Willst du danach mal ordentliches machen?“
„Erik, ich glaube, du verstehst die Tragweite der Situation nicht.“
„Ich will ja nur, dass du dein Leben auf die Reihe kriegst und...“
„Das sagt grade der Richtige!“ Arne schrie jetzt. „Du hast mich nie bei irgendetwas unterstützt! Seit du mit Beate zusammengekommen bist, ist nichts mehr, wie es war! Sie hat einen Keil zwischen uns getrieben!“
„Beate und ich sind seit mindestens fünf Jahren nicht mehr zusammen!“, schrie ich zurück. „Und du bist seit fünf Jahren auch nicht mehr da. Du rufst alle paar Monate an, um mir zu erzählen, was für Strategien dein Anwalt jetzt verfolgt. Das ist doch nicht normal!“
Arne legte abrupt auf. Die Wahrheit, was auch immer man darunter verstand, war zu viel für ihn. Ich verstand sehr gut. Sie war auch zu viel für mich. Ich widmete mich wieder meiner Bachelorarbeit. Nur noch vier Tage. Vielleicht auch schon drei.

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