Willkommen daheim!

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Montag, 7. September 2015

Das Buch zum Film


Als ich noch zu Schule ging, wurde ich öfter gefragt, ob ich denn den Film Der Club der toten Dichter schon mal gesehen hatte? Das hatte ich nicht. Wäre aber auch nicht weiter schlimm, das Buch wäre sowieso viel besser. Und so kam es, dass ich irgendwann tatsächlich Der Club der toten Dichter gelesen hatte. Autor war ein gewisser N.H. Kleinbaum. Ich würde gerne glauben, dass ich schon damals stutzig gewesen bin, ob der Film wirklich auf dieses ominöse Buch zurückging (mit Robin Williams auf dem Cover). Hieß es auf den ersten Seiten nicht außerdem, das Buch basiere auf einem Drehbuch von Tom Schulman?
Irgendwann zumindest wusste ich Bescheid, wurde mir aber immer wieder Leute gewahr, die von diesem Buch (und nicht vom Film) sprachen, ja, manch einer hatte es sogar in der Schule durchgenommen, eine bizarre und faule Praxis des Lehrers, die auch mich einmal treffen sollte: in der zehnten Klasse haben wir im Englischunterricht das englischsprachige (Penguin-)Buch zum Film Gladiator gelesen. Ridley Scotts Film hingegen kenne ich bis heute nicht!
Der Punkt ist, dass Filme wie Der Club der toten Dichter oder Gladiator eben keine Literaturverfilmungen sind und dass das „Buch zum Film“ quasi nur den Film nachäfft. Seine ganze Existenz ist eine rein parasitäre. Das „Buch zum Film“ ist von seiner gesamten Anlage her nichts als Merchandising, Resteverwertung, vielleicht auch Betrug.

Die deutsche Wikipedia-Seite zu Nancy Kleinbaum (eine englische gibt es bezeichnenderweise nicht) sagt folgendes:

„Kleinbaums Roman Dead Poets Society ist weniger ein eigenständiges literarisches Werk als eine Art Merchandising-Produkt, das sich den Produktionsverhältnissen Hollywoods verdankt. Dieses Buch, ein movie-tie in, wendet sich an die Zuschauer, die den Eindruck des Films durch eine nachträgliche Lektüre vertiefen oder nochmals evozieren wollen.“ (Stand 07.09.15)

Als ich letztens mein Lieblingsantiquariat aufgesucht hatte, ist mir dieses Buch aufgefallen: Key to Nancy H. Kleinbaum – Dead Poets Society. Das Ding hatte offensichtlich Karriere in den Schulen gemacht, gibt es immerhin ein ganzes Buch mit Erläuterungen und Aufgaben dazu (sogar mehrere, s. ihre Wikipedia-Seite). Vielleicht dachten sich die Lehrer, wenn es vorher ein Film war, macht es das Lesen spannender. Vielleicht hat sogar das eine oder andere „Buch zum Film“ einen Lesefaulen wieder dazu begeistern können. Oder die Lehrer wussten es einfach nicht besser...




Aber es gibt sie dennoch, die interessanten, gut geschriebenen Bücher zum Film. Leonard Schrader, Bruder der legendären New Hollywood-Persona Paul, hat drei novelizations zu den Filmen Pauls verfasst. Die erste, The Yakuza, war die ambitionierteste, keine schnelle Nacherzählung des von Sydney Pollack adaptierten Films, sondern ein waschechter Kriminalroman mit hard boiled-Anleihen, aber auch sentimentalen Passagen. Der Roman war in jedem Fall gut genug für den Berliner Alexander Verlag, der es mit einem interessanten Nachwort von Filmwissenschaftler Norbert Grob herausbrachte. Und er ist tatsächlich wirksamer auf dem Papier als auf der Leinwand. 
Die anderen beiden Bücher, Blue Collar und Hardcore sind eher Schnellschüsse, aber immer noch von einem großartig auf den Punkt gebrachten Stil, schnell, hart, pragmatisch. Dazu gibt es immer wieder persönlichere Momente, wie die in Hardcore, die auf die Biographie von Leonard und Paul Schrader verweisen (dazu mehr in meinem Essay in der Splatting Image 92).  



Der Bruch von Wolfgang Kohlhaase ist ein ganz ominöser Fall des „Romans zum Film“. Da ich Kohlhaases Filme sehr schätze und auch mit seiner Drehbuch-Prosa sowie dem Kurzgeschichtenband Silvester mit Balzac was anfangen konnte, war ich sehr neugierig auf dieses Buch. Hatte er etwa sein eigenes Skript noch einmal in Prosaform gegossen? Klingt abseitig, aber genau das hat Leonard Schrader ja auch gemacht (The Yakuza und Blue Collar basierten auf Drehbüchern, die er gemeinsam mit seinem Bruder schrieb). Aber ein Blick ins Buch lüftet das Geheimnis, denn gleich auf der ersten Seite des „Romans“ ist zu lesen: „Ein Kino, irgendwo in Berlin. In einem S-Bahn-Bogen. Auch der Film, der im Kino gezeigt wird, angekündigt auf einem handgemachten Plakat, heißt 'IRGENDWO IN BERLIN'. Das Kino sieht ärmlich aus. Pappe statt Scheiben in den Fenstern.“ Der Bastei-Verlag hat einfach Kohlhaases Drehbuch genommen und hat es lediglich umformatiert, dass es nach Prosa aussieht. Kann sein, dass einige komplizierte, technische Beschreibungen weggefallen sind. Aber ansonsten ist dieser Roman zum Film schlicht und ergreifend das Drehbuch zum Film Der Bruch. Etikettenschwindel (ist aber auch besser so)! Ich schätze mal, Kohlhaase selbst hat mit dieser Art von Vermarktung nichts zu tun gehabt.

Es gab sogar mal novelizations zu Comics. Ich hatte als Teenager einen Superman-Roman von Peter David gelesen, in dem es um Supermans Tod und Auferstehung ging. Aber das ist eine andere Geschichte aus der heiteren Welt der Vermarktung. Genug davon. 

 

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