Willkommen daheim!

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Sonntag, 9. August 2015

Überdrüssiges Schmetterlingsgezappel - Teil 2



„Was machen sie hier eigentlich in dieser Bar, ganz allein?“ Er schien sich zum ersten Mal für mich zu interessieren. Vielleicht fand er mich auch komisch.
„Ich habe mich mit einer attraktiven Mittvierzigerin zum Sex verabredet. Aber sie ist nicht gekommen.“
Ich war überraschend ehrlich. Eine irritierende Mischung aus Alkoholismus und Respekt. Aber ich konnte diesen Mann auch nicht anlügen. Seine Filme hatten schon mehrmals meine Seele durchbohrt. Einfach so. Das Mindeste, was ich tun konnte, war, so aufrichtig wie möglich zu sein.
„Eigentlich studiere ich noch. Aber meine Leidenschaft gilt dem Schreiben. Ich hab mal den Tod und das Leben einen sehr langen Dialog führen lassen. Vielleicht etwas zu prätentiös.“
„Sagen sie das nicht“, mahnte er, „nur die großen Themen sind interessant. Wer braucht schon Bücher, die von egomanischen jungen Leuten handeln, die jede Nacht zu viel trinken und keine Frauen abbekommen?“
Da schwieg ich mich über mein aktuelles Projekt lieber aus.
„Erzählen sie mir von ihrem Stil. Schreiben sie wie Hölderlin?“
„Na ja... wenn ich gut drauf bin, schreibe ich mindestens wie Büchner.“
„Das reicht mir. Sie müssen auf der Stelle ein Drehbuch für mich improvisieren. Ich habe beschlossen, mit ihnen einen Film zu drehen.“
„Was, jetzt?“
„Ja. Sie gehen bei mir in die Schule und assistieren mir bei einem Film, den wir jetzt konzipieren und heute Nacht noch drehen.“
Am Tresen war gerade ein Traum wahr geworden. Zergog und ich würden einen Film drehen. Er musste verrückt sein.
„Es muss beginnen mit einem Schwarzbild und einem Voice Over. Ein Monolog über Leben und Tod folgt, den schreiben sie jetzt. Dann sehen wir, wie sich die Kamera in einer nächtlichen Straße bewegt und das zu Mussorgskis Ouvertüre von 'Boris Godunow'. Ja, genau. Dann bewegt sich die stumme Hauptfigur, sie, durch eine verwüstete, apokalyptische Landschaft. Keine Autovermietung weit und breit.“
„Fantastisch“, sagte ich. „Aber wo kriegen sie jetzt um die Uhrzeit einen Kameramann her?“
„Haben sie ein Smartphone?“, fragte er.
„Ja...“
„Dann machen wir das damit. Man muss mit dem arbeiten, was man hat. Inspiration darf nicht von Technik definiert werden.“
„Das ergibt Sinn...“
„Heutzutage kann man doch einen Film auf seinem Handy drehen“, sagte er, „der Fortschritt hat die Kunst demokratisiert. Es gibt keine Ausreden mehr.“
„Ja, das stimmt schon. Aber den Film wirklich auf dem Handy zu drehen...“
Sein Gesicht verhärtete sich: „Dieser Film ist wichtiger als wir beide. Er muss gedreht werden. Wir können ihn nicht verhindern, es liegt nicht in unserer Macht. Also los, schreiben sie ihren Monolog.“
Ich besorgte mir Servietten von dem Wirt, der uns die ganze Zeit misstrauisch beäugte und begann darauf zu schreiben. 
Zergog entschuldigte sich und ging auf die Toilette. Ich war wie elektrisiert. Manchmal sendet dir das Leben Signale und wenn du sie nicht empfängst, bist du ein Trottel.
Ich erinnerte mich an eine Nahtoderfahrung, die ich mal als Kind hatte. Ein Pudel hatte mir mal fast den Finger abgebissen, als ich dabei war, eine Scheibe Fleischwurst zu essen, die mir die freundliche, dicke Thekenfrau in der Metzgerei gab. Gut, so gefährlich war das nicht. Aber der Pudel hätte mich um einen oder mehrere Finger bringen können. Und ich wollte damals Konzertpianist werden. Ich war drei. All diese emotionalen Dinge flossen in den Monolog ein.
„Was ist der Tod? Und was ist schon das Leben?“, schrieb ich auf die Serviette. Ich hatte sie bald vollgeschrieben, verlangte nach weiteren und schrieb mich in einen regelrechten Rausch. Zergog brauchte verdächtig lange auf der Toilette, doch ich war gerade in Fahrt und machte einfach weiter. Irgendwann war ich durchgeschwitzt, vor mir ein Bündel vollgeschriebener Servietten. Die Gäste hatten sich alle verzogen. Der Wirt sah mich misstrauisch an. Wo war Zergog?
Ich entschloss mich, auf die Toilette zu gehen. Vielleicht war ihm etwas passiert. Doch er war nicht da. Ich ging wieder hinaus und fragte den Wirt: „Entschuldigung, haben sie den älteren Herrn gesehen, der hier längere Zeit mit mir saß?“
„Der ist längst gegangen.“
„Gegangen? Das kann nicht sein.“
„Und du gehst jetzt bitte auch, es ist sechs Uhr in der früh.“
Ich war sprachlos. Zergog war einfach gegangen. Er musste wohl bereits auf Locationsouting sein. Ich sammelte meine Servietten ein und wollte gehen, als der Wirt mich am Arm packte: „Nicht so schnell. Du schuldest mir 30,75.“
„Wie bitte?“
„30 Euro und 75 Cent. Für das Bier und das Schnitzel, das er vorher hatte.“
Ich bezahlte und ging hinaus. Es dämmerte bereits. Ich betrachtete die Servietten und warf sie weg. Ich habe Zergog niemals wiedergesehen.


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