Willkommen daheim!

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Freitag, 12. Juni 2015

Christopher Lee (1922-2015)



Erst Price, dann Cushing und jetzt auch noch Lee. Christopher Lee ist tot und mit ihm eine Ära des Kinos, die viele von uns erst zuhause auf DVD kennengelernt haben. Der ausgebildete Opernsänger gehörte zu der zweiten Welle der großen Horrorstars (zu der ersten Welle zähle ich Karloff, Lugosi, Carradine, Zucco und andere), die zwar immer noch eloquent und distinguiert waren, aber auch weitaus blutrünstiger. Die Filme waren mittlerweile bunt, an roter Farbe wurde nicht gespart. 
Und trotzdem: wenn ich an einen Film mit Peter Cushing oder Christopher Lee denke, kommt mir nicht Dracula oder Frankenstein in den Sinn, sondern altmodische Wohnzimmer, bequem aussehende Ledersessel, der Konsum von Brandy (und das schon mittags) und wunderschönes BBC-Englisch. Ich denke an wohlerzogene Gentlemen, mit denen man sich stundenlang über Shakespeare unterhalten könnte, die aber gleich mehrere Leichen im Keller haben und kein Problem damit hätten, dich ihren dunklen Plänen zu opfern. 
Christopher Lee hätte von dieser klassischen in die harte neue Welle des amerikanischen Horrorfilms vordringen können. Man hatte ihm die Rolle des Dr. Loomis in Halloween (1978) angeboten, doch er winkte ab. Donald Pleasance bekam den Part und sicherte sich so seine Rente. Aber Lee konnte sich auch nicht beschweren, steht er doch im Guinness-Buch der Rekorde aufgrund er Anzahl seiner Film-Credits. 

In einem Featurette zu The Bloody Judge (1969) erinnert sich Regisseur Jess Franco an seine Zusammenarbeit mit dem im wahrsten Sinne des Wortes großen Schauspieler (1,96 m). Franco mochte ihn, hielt ihn aber auch eher für humorlos. Er könnte Recht gehabt haben. Warum? Man schaue sich nur mal seine Interpretation des Dr. Fu Manchu für Harry Alan Towers‘ fünfteiligen Filmzyklus an. Lee spielt diese lächerliche Groschenromanfigur mit einem stoischen Ernst und einer unerhörten Liebe zum Detail. Man schaue sich im Vergleich MGMs The Mask of Fu Manchu (1932) an, eine absurde Posse ist das, mit einem Boris Karloff außer Kontrolle. In einem Interview nannte Lee Fu Manchu allen Ernstes eine der ganz großen Rollen. Insofern mag er durchaus humorlos sein. Aber was für ein Engagement! Er selbst hielt sich vielleicht für einen großen Schauspieler, der er wahrscheinlich nur bedingt war, aber mit was für einer Ernsthaftigkeit er an seine Arbeit herangegangen ist, ist bewundernswert. Und natürlich ist es großartig, einem Schauspieler zuzusehen, der sich auf die ikonischen Rollen stürzt, wie Dracula, Fu Manchu, Rasputin, Sherlock Holmes, Moriarty, Saruman. Und dieser hypnotische Blick! 

Auch ließ er sich immer wieder auf Franco ein. Es war ihm ein ausgesprochenes Vergnügen, Nachts, wenn Dracula erwacht (1970) zu drehen, weil Franco und er Bram Stokers Original so nah wie möglich kommen wollten. Leider ging Produzent Harry Alan Towers das Geld aus und der vielversprechende Film wurde zu einem obskuren Billigfilmchen abgestempelt (das dennoch seinen Reiz hat). 
Franco erzählt auch gern, wie Lee irgendwann aufhörte, sich so ernst zu nehmen wie er es immer tat und dass er irgendwann lockerer wurde. Aber ohne seine sagenhafte Steifheit könnte man sich Lee nicht als Sherlock Holmes‘ Bruder in The Private Life of Sherlock Holmes (1970) vorstellen, als diabolischer Fu Manchu, als missgestalteter Löwenbändiger in Circus of Fear (1966), als satanischer Professor in The City of the Dead (1960), und so weiter und so fort. Obwohl er als Scaramanga doch unendlich entspannt rüberkommt. So oder so, er wird schmerzlich vermisst. 

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