Willkommen daheim!

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Montag, 6. April 2015

Pandämonium - Teil 1



Eine Erik Wasilewski-Geschichte 

Mir fiel kein besseres Wort für das ein, was hier stattfand. Ich meine, sie waren alle da. Der Rapist. Cheng. Christoph Krösus. Die Kamikaze Katzen. Und viele mehr.
Es war ein Pandämonium. Und meine Freunde und ich waren mittendrin. Aber vielleicht gehörten sie ja dazu. Sebastian. Harri Schuster. Dennis der Dealer. Meine Freunde, Teil dieser Versammlung von exzentrischen und potentiell gefährlichen Gestalten. Angeblich war es eine Auszugsparty, so formulierte es Harri zumindest, als er mich einlud. Wer jetzt wohin zog, wusste ich nicht. Aber es war in jedem Fall Aufbruchsstimmung. Grelles Neonlicht im Flur, Risse in den Wänden, kahle Räume voller besoffener Leute, sowie massiver Männerüberschuss. Laute Technomusik aus den Neunzigern klatschte an die Wände und von den Wänden in unsere Ohren. Besonders ein Song eröffnete mir neue Dimensionen des Schamgefühls: „Dracula ist wieder da“ von Frank Zander.
Harri Schuster zog mich in eines der vielen beklemmenden Zimmer und fing an, mich irgendwelchen zugeknöpften Gestalten vorzustellen.
„Das ist Igor“, sagte Harri, „er wohnt hier.“
„Bist du derjenige, der auszieht?“, fragte ich.
„Nein“, sagte Igor. „Das ist mein Zimmer. Also, wie du siehst…“
Dieses Zimmer war genauso leer wie die anderen. Eine Matratze in der Ecke, ein alter Schreibtisch am Fenster. Und ein paar Leute versperrten die Sicht auf ein kleines Bücherregal. Darin eine Napoleon-Biographie, ein Buch von Macchiavelli und eine alte Ausgabe von „Also sprach Zarathustra“.
„Igor ist einer der großzügigsten Menschen, die ich kenne“, schwärmte Harri.
Ich war mir da nicht so sicher. Igor sah aus, als hätte er lange Zeit in einem russischen Gefängnis gesessen. Seine Gesichtszüge waren verhärtet. Seine Glatze sah massiver aus als Beton.
„Ich hab lange gedealt, aber die Zeiten sind vorbei“, sagte er. Ich nickte nur.
Wir schwiegen eine Weile und tranken. Da merkte ich, dass Marissa, eine der Kamikaze Katzen, mich aus dem Flur heraus anschaute. Sie lächelte. Ich lächelte zurück.
Ich wollte zu ihr rübergehen, da berührte mich Igor an der Schulter. Seine Hand war kalt: „Du weißt, was Nietzsche gesagt hat. Wenn du zu Frauen gehst, vergiss die Peitsche nicht.“
„Ja… Danke.“
Er nickte weise und ließ mich passieren. Ich erreichte Marissa.
„Hey“, sagte sie.
„Hey, wie geht’s?“
„So ein Zufall, dass wir uns hier sehen.“
„Ja. Verrückt. Ich kenne hier fast keinen“, sagte ich. „Ein Freund hat mich mitgeschleppt.“
„O ja. Mir geht’s genauso. Lisa meinte, hier würde was los sein. Na ja.“
„Ja. Total lahm.“
„Na ja, es geht.“
„Hast Recht. Aber die Musik könnte besser sein.“
„Hör mal“, sagte sie, „ich muss immer noch an unser letztes Treffen zurückdenken.“
„Wirklich?“
„Ja. War echt schön. Tolle Wohnung.“
„Danke.“
„Ist dein Freund Mark auch hier?“
Selbst in seiner Abwesenheit hatte Mark mehr Glück bei den Frauen als ich. Definitiv ein Grund, die Freundschaft zu kündigen.
„Mark hatte wohl keine Zeit“, sagte ich.
„Aha.“
„Wieso?“
„Ach nur so. Übrigens… hast du was zu rauchen?“
„‘Ne Zigarette, meinst du?“
„Nein.“ Sie sprach leiser. „Einen Joint oder so.“
„Oder so?“
„Bisschen Koks?“
Ich war in diesem Moment davon überzeugt, dass sie mich ranließe, wenn ich sie nur mit Drogen versorgen würde. Natürlich hatte ich nichts.
„Grad nicht“, sagte ich. „Aber ich hör mich mal um.“
Sie nickte, als würde sie verstehen. Sie hielt mich für einen Dealer.
Ich schlenderte durch die Wohnung auf der Suche nach Dennis. Vielleicht hatte er etwas dabei. Und vielleicht würde ich meinen Kredit bei ihm etwas strapazieren.
Ich betrat das Wohnzimmer und prompt versperrte mir Igor den Weg.
„Hallo, Sven!“, sagte er. Er versuchte charmant zu klingen.
„Erik.“
„Oh, entschuldige. Erik. Sven. Erik. Björn. Ist alles skandinavisch.“
„Ja…“
„Ich hab dich vorhin beobachtet. Mit der Frau. Hast du- hast du was dabei?“
„Wie bitte?“
„Du weißt schon. Pillen. Oder was fürs Bad?“
„Nein, ich hab nichts. Tut mir leid. Ich musste das Mädel auch schon enttäuschen. Was ist mit dir? Ich dachte, du hast mal…“
„Ja, ja“, er würgte mich ab, „aber die Zeiten sind vorbei. Hörst du? Ich bin nur noch Konsument. Gelegentlich. Ich hab’s nicht nötig oder so.“
Seine Augen sagten was anderes.
„Wie gesagt, nein. Tut mir leid.“
„Okay.“
Er schaute mich an, als würde er mir nicht glauben. Er ging zwar, doch sein Gesichtsausdruck gefiel mir nicht. 


Endlich fand ich Dennis. Er und Harri befanden sich in der Küche und unterhielten sich über die Vor- und Nachteile von Tictacs.
„Verstehst du“, meinte Harri, „Ich mag das nicht, wenn’s in der Jackentasche so raschelt.“
„Ja, aber was für eine Alternative hast du denn?“, fragte Dennis. „Du verträgst doch keine Kaugummis.“
„Hey, Leute!“
„Erik!“
Sie waren froh mich zu sehen und boten mir gleich einen Kleinen Feigling an.
„Ihr scheint euch ja prächtig zu amüsieren“, sagte ich.
„Das ist nur Verzweiflung“, meinte Dennis. „Wir standen vor der Wahl. Woanders hingehen oder hier bleiben und bis zur Besinnungslosigkeit trinken.“
„Ich sehe, ihr habt euch entschieden.“
„Nein, haben wir nicht“, protestierte Harri. „Wir wägen noch ab.“
„Hör mal, Dennis. Ich brauch deine professionelle Hilfe.“
„Ich arbeite heute nicht“, sagte er. „Es ist Samstag.“
Dennis war, obwohl er mit allen möglichen Substanzen Geschäfte machte, von der Anlage her extrem konservativ. Er bestand auf sein Wochenende, Urlaub und das, was er feste Arbeitszeiten nannte (kein Stoff nach zehn Uhr). Wenn er seinen Gewinn versteuern könnte, er würde es tun.
„Ich weiß, ich weiß. Aber ich dachte, du hast vielleicht was dabei. Zum Eigengebrauch.“
„Ich hab’n Joint dabei. Für später.“
„Das klingt doch schon mal gut. Hey, hab ich noch Kredit bei dir?“
„Nein.“
„Aber ich will ‘ne Frau beeindrucken.“
„Wenn du glaubst, sie nur mit Drogen beeindrucken zu können, ist sie kein Umgang für dich.“
„Genau“, meinte Harri. „Es geht darum, ob ihr euch auch versteht. Habt ihr gemeinsame Interessen? Könnt ihr gut miteinander reden?“
„Ich will doch nur mit ihr schlafen“, sagte ich. „Heute Nacht am besten.“
„Dafür bist du nicht der Typ“, meinte Harri. „Du wirkst zu harmlos.“
„Darum geht es jetzt nicht. Sie ist bedürftig. Versteht ihr? Ich könnte sie rumkriegen.“
„Vielleicht mit MDMA oder so was“, meinte Dennis, „aber nicht mit Gras.“
„Du verstehst nicht. Ich kenn die Tussi. Sie war schon mal bei mir zu haus.“
„Und da lief was?“
„Nein, aber…“
„Also“, begann Harri, „wenn sie schon einmal bei dir war und nichts lief, warum sollte es heute anders sein? Verstehst du, was ich sage?“
„Ihr wollt bloß nicht teilen. Ihr wollt das Ding hier zu zweit rauchen. Ums hier auszuhalten.“
„Du kannst natürlich mitrauchen“, sagte Dennis. „Und bring die Tussi her.“
Besser als nichts. Also machte ich mich auf die Suche nach Marissa.


Fortsetzung folgt

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