Willkommen daheim!

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Montag, 5. Januar 2015

Snuff-Movie


Bernard Rose ist ein Regisseur mit einer bizarren, aber ungemein interessanten Filmografie. Manche erinnern sich vielleicht noch an „Candyman“, die stimmige Verfilmung einer Clive Barker-Horrorgeschichte. Der Film war erfolgreich, hat die Karriere von Rose jedoch nicht unbedingt gefördert. Nach einer, nach eigenen Worten, gescheiterten Filmversion von „Anna Karenina“ hat Rose sich (mithilfe von Produzentin und Ehefrau Lisa Enos) als digitaler Filmemacher neu erfunden. „Ivans Xtc“ war sein erstes digital gedrehtes Drama, eine freie Tolstoi-Adaption mit dem großartigen Danny Huston. Seitdem haben die Beiden sich vornehmlich Tolstoi-Verfilmungen gewidmet, die mit ihrer rohen, ungeschliffenen Machart und ihrer naiven Unmittelbarkeit absolut fesseln.
Ab und zu schafft es Rose auch den ein oder anderen Abstecher ins Mainstreamkino zu machen, mit Filmen wie „Mr. Nice“ oder „The Devil’s Violonist“ mit David Garrett. Der Mann ist absolut schmerzfrei.
Irgendwo zwischen Tolstoi und Garrett machte er einen nahezu unbekannten Film mit dem Titel „Snuff-Movie“. Zu der Zeit war Joel Schumachers „8mm“ angesagt, und Billigfilmer wie Bruno Mattei („Snuff Trap“) oder Anthony Hickox („Jillrips“) haben ihre Ripoffs auf den Markt geworfen. „Snuff-Movie“ (allein der Titel riecht nach billigster Schundware) folgt aber nicht dem Beispiel dieser Filme, sondern macht sein ganz eigenes Ding. Nichts Geringeres als der Mordfall Sharon Tate wird hier fiktionalisiert, mit Jeroen Krabbé als Polanksi-Epigone Boris Arkadin.


Gleich zu Beginn wird die Grenze zwischen Realität und Fiktion mehrfach verwischt. Einer Szene aus Arkadins Film „Premature Burial“ (der einen sofort an die Konstellation Poe/Corman denken lässt) folgt eine Found Footage-Sequenz aus den Siebziger Jahren, die den grausamen Mord im Hause Arkadin dokumentiert. Dann folgt ein kontemporärer Fernsehbericht über den Mordfall, der von Schauspielerin Wendy (Lisa Enos) und ihrem Freund Andy (Alastair Mackenzie) geschaut wird. Wendy sieht im Übrigen genauso aus wie Arkadins Frau Mary und zufällig hat sie gleich ein Casting für den neuen Arkadin-Film. Die Beiden haben Sex und werden dabei die ganze Zeit von Andys Webcam gefilmt, zu deren Aufnahmen Arkadin im Übrigen Zugang hat.
Wendy ist im Übrigen nicht die einzige Doppelgängerin. Schauspieler spielen hier bis zu drei, vier Rollen und mit dem niedrigen Budget des Films hat das diesmal wenig zu tun. Der Zuschauer wird permanent verunsichert. Der Film wimmelt von Doppelgängern und man ist sich der Rahmenerzählung niemals sicher. Wie eine Matrjoschka-Puppe wird mit jedem Twist eine neue metadiegetische Erzählebene eröffnet.

Der Film ist tatsächlich ziemlich komplex, aber er weiß das geschickt zu verbergen. Denn „Snuff-Movie“ (der Titel allein arbeitet bereits gegen den Film) will scheinbar der billige Splatterfilm sein, der er vorgibt zu sein. Sex und Gewalt gehen hier Hand in Hand, die Darsteller könnten einem Softporno entnommen sein (natürlich abgesehen von dem großen Krabbé!).
Gleichzeitig wird eine wahre Begebenheit zu einem Metacocktail verarbeitet, der unsere Sinne vernebelt und uns am Ende rätseln lässt, was „wirklich“ passiert ist. Im Kern also ein Kommentar zu dem Fall Sharon Tate als Medienereignis, das für die Außenwelt ohnehin nur noch als solches existiert. Die mediale Vereinnahmung des Falles hat den Fall selbst quasi überstimmt. Baudrillard würde der Film gefallen.


Aber, und ich muss dazu zurückkehren, der Film hat alle Zutaten eines billigen Exploitationfilms, und ich kann mir vorstellen, dass Manche es als recht pietätlos ansehen könnten, einen billigen Digitalfilm mit viel Sex und Gewalt über so eine Tragödie zu drehen, dazu noch ohne Charles Manson, sondern mit dem Regisseur selbst als Bösewicht. Das ist schon gewagt. Ob Polanski das wusste? Wahrscheinlich nicht. Sonst hätte er sicherlich Schritte unternommen.
Es gehört also eine gewisse Portion an Chuzpe dazu, einen Metafilm über die dunkle Seite von Roman Polanski zu drehen. Weiß Gott, er hat eine. So ist der Film gleichzeitig eine unerhörte Meditation über die Allmachtsfantasien eines Regisseurs.


Dazu dieser bis an die Schmerzgrenze gehender Naturalismus in Spiel und Inszenierung. Ultrabillig, könnte man dazu sagen. Ich sage dazu Ultrastilisierung. Brian De Palma hatte seinen letzten Film „Passion“ ganz ähnlich angelegt, und das hat viele Zuschauer, vor allem Kritiker abgeschreckt. Paul Schrader ist ihm mit „The Canyons“ digital gefolgt. Und auch der neue David Cronenberg-Film „Maps to the Stars“ macht sich einen gewissen Homemade-Look zu eigen, um seine intime Geschichte adäquat erzählen zu können.
Bernard Rose hat es ihnen vorgemacht*. Der digitale Look, nach eigenen Worten eine Mischung aus Neorealismus und Dogma, bringt nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Schauspieler auf die Erde zurück. Macht sie wieder menschlich. Ein 35mm-Film mit wunderbarer Ausleuchtung zeichnet die Konturen der Akteure auf ungewöhnliche Weise nach, gibt ihnen Tiefe und eine Aura, die vielleicht gar nicht da ist. Das digitale Bild entthront die Leinwandgötter, vereint sie wieder mit ihrem Publikum. Der Glanz verschwindet. Aber etwas Neues entsteht.
Natürlich hat der Digitalfilm mittlerweile Fortschritte gemacht und auch Roses neuere Filme wie „Boxing Day“ sehen „besser“ aus. Doch mit seinen ersten digitalen Gehversuchen wie „Ivans Xtc“ und „Snuff-Movie“ hat er uns das Kino in seiner nackten Essenz präsentiert. Ohne Geschmacksverstärker sozusagen.















*Wenn man möchte, könnte man den im selben Jahr wie "Ivans Xtc" erschienenen, auf Video gedrehten „Timecode“ von Mike Figgis erwähnen, der jedoch viel experimenteller angelegt ist, und vier unterschiedliche Storys im Splitscreen-Verfahren zur gleichen Zeit erzählt.

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