Willkommen daheim!

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Mittwoch, 16. Dezember 2015

Texte, Texte, Texte


Es gibt wieder einige Rezensionen von mir auf verschiedenen Blogs und Websites zu lesen. Auf critic.de bin ich mit einem Text an der Lamberto Bava-Retro beteiligt. Ich schreibe über Bavas unglückliches Kino-Comeback The Torturer, das auf der Welle von Hostel und Saw mitzuschwimmen versuchte. Auch schon zehn Jahre her. 

Bei Eskalierende Träume wird die Reihe 100 Deutsche Lieblingsfilme endlich fortgesetzt und zwar mit Die 1000 Augen des Dr. Mabuse

Und beim hippem Octopus Magazin ist meine dritte Rezension über Elvis Costellos tolle Autobiographie erschienen.


Sonntag, 13. Dezember 2015

Liebevoll gestaltete Entenfiguren



Eine Erik Wasilewski-Geschichte

Es war keine gute Zeit. Ich hatte meine Bachelorarbeit angemeldet, nunmehr zum zweiten Mal und hatte noch vier Tage, um sie zu schreiben. Es mussten mindestens 27 Seiten werden. Wie sollte ich das machen? Ich hatte davor noch nicht einmal eine Hausarbeit geschrieben, dies hatte meine Exfreundin Beate übernommen. Sie war ein echtes Universalgenie. Sie konnte alles und hatte Spaß daran, es zu zeigen. Sie konnte sich in jedes Thema einlesen und eine fundierte Arbeit dazu verfassen. Sie konnte sogar auf unterschiedlichen Niveau-Graden schreiben, damit dem Professor nicht auffiel, dass die Arbeit nicht von mir war. Mit diesem Talent hätte sie eine Menge Geld verdienen können, aber sie tat es ausschließlich aus Liebe zu mir. Ich hatte echt Schwein für eine gewisse Zeit. Irgendwann aber merkte sie, dass sie es viel besser haben konnte und verließ mich. Beate konnte in wenigen Tagen eine hervorragende wissenschaftliche Arbeit verfassen, inklusive Recherche und Aneignung der Fachterminologie. Ich vermisse sie heute noch.

Jetzt saß ich vor dem Laptop und war am Verzweifeln. Mein Thema, das ich in mühevoller Absprache mit meinem Professor gewählt hatte, war „Existenzialismus und Tod in Literatur und Film – vorgestellt anhand Ian Flemings Casino Royale und dessen Verfilmung durch Martin Campbell“. Das Buch flog hier irgendwo rum, ich hatte es noch nicht gelesen.
Jedenfalls wurde die Zeit langsam knapp, als mich mein alter Freund Arne anrief. Ich war froh über die Ablenkung. Die Realität war bestialisch, sie würde mich noch früh genug kriegen. Davor würde ich mich allerdings so gut es ging vor ihr verstecken.
„Erik, es ist soweit“, sagte er. „Morgen steht das Urteil an.“
Das legendäre Urteil. Morgen würde es also soweit sein. Ich rekapitulierte. Arne jobbte für lange Zeit bei einer Werbeartikelfirma, die sich auf den Verkauf von Tand spezialisierte, und schrieb für diese Texte über „liebevoll gestaltete Entenfiguren“, „traditionell angefertigte Schlüsselanhänger“ und „Feuerzeuge in allen Formen und Farben“. Er bekam jeden Monat 450 €, was an sich nichts ungewöhnliches war. Ungewöhnlich war der Vertrag, der ihm dieses Festgehalt zugestanden hatte. Gearbeitet wurde nämlich nach Bedarf. Was sich als unvorteilhaft gegenüber Arne hätte ergeben können, erwies sich als sein Triumph. Bedarf bestand nämlich nicht oft. So passierte es, dass er monatelang nicht arbeiten musste, aber trotzdem sein Geld bekam. Er schrieb seinem Chef sogar Mails, in denen er um Arbeit bat. Ihm war es ja regelrecht peinlich, für einen ganzen Monat, in dem er nicht gearbeitet hatte, ausgezahlt zu werden. Zumindest beim ersten Mal. Irgendwann gewöhnte er sich daran. Und sein Chef meldete sich auch nicht. Ab und zu flog ein Auftrag herein. Aber das war in wenigen Stunden erledigt. Meine Freunde und ich beneideten Arne. Nicht, dass er sich von dieser Arbeit eine Existenz hätte aufbauen können (die Miete bezahlte seine Oma), aber es war, als ob ein unsichtbarer Gönner jeden Monat seine Geldbörse zückte und ihm 400 € unters Kopfkissen legte, während er schlief. Irgendwie pervers. Aber man gewöhnt sich an alles.


Jedenfalls merkte Arnes direkter Vorgesetzter, dass irgendwas mit diesem Vertrag nicht in Ordnung war. Arne wurde nun häufiger eingesetzt, diesmal vor Ort. Er musste sein Genie dafür verschwenden, Daten zu erfassen und komplizierte Berechnungen mit Microsoft Excel anzustellen. Aber das schien nicht auszureichen. Irgendwann kam sein Chef und fragte ihn ganz ungeniert: „Herr Hennig, möchten sie nicht mal ihren Vertrag ändern?“ Arne wusste sofort, worauf das hinauslaufen würde und verneinte. Sein Chef war nicht erfreut. Die Woche darauf kam er wieder und fragte ihn: „Herr Hennig, möchten sie nicht 200 Stunden nacharbeiten?“ All die Zeit, die Arne nichts zu tun hatte und für die er entlohnt wurde, wollte die Firma jetzt zurück. Cent um Cent. Arne verwies seinen Chef auf den rechtsgültigen Arbeitsvertrag und verneinte. Doch die Zwiebeltaktik seines Chefs ging weiter. Einige Tage später fragte er ein weiteres Mal an: „Herr Hennig, möchten sie nicht kündigen?“ Arne lachte sich halb tot und verneinte. Er ahnte, dass die Sache vielleicht einen unangenehmen Verlauf nehmen könnte. Man hätte seinen Schreibtisch in den Keller verlegen können, ihm Insektenspray in die Hand drücken können und ihn mit folgenden Worten zurücklassen können: „Ach ja, hier unten gibt es auch ein Rattenproblem!“ Man hätte auch allen Angestellten einen Schlüssel für die Toilette geben können, nur ihm nicht. Es gab viele Methoden, unliebsame Mitarbeiter loszuwerden. Doch die Woche darauf kam Arnes Chef wieder durch die Tür und sagte: „Herr Hennig, das hat keinen Sinn mehr. Das Vertrauensverhältnis wurde missbraucht. Wir müssen uns von ihnen trennen.“ Arne wurde mit sofortiger Wirkung entlassen, ohne konkrete Angabe eines Kündigungsgrunds. Also hatte Arne geklagt. Es ging letztlich um eine sehr kleine Summe. Aber das Verfahren dauerte nunmehr fünf Jahre an. Arne hatte sein Studium vernachlässigt, seine sozialen Kontakte, sein Liebesleben. Dafür hatte er ein geradezu enzyklopädisches Wissen über die Firma erworben, die ihm so übel mitgespielt hatte. Er verbrachte einen Großteil der Zeit im Stadtarchiv und las alles, was es zu dem Unternehmen zu lesen gab. Außerdem beschäftigte er sich immer häufiger mit der Juristerei, feuerte sogar seinen Anwalt, weil er sich nicht gut vertreten gefühlt hatte und engagierte einen stadtbekannten Profi, der oft im Fernsehen zu sehen war. Er hatte seine eigene Show, Probst und Partner.
Oft redeten wir mit Arne, er solle die Sache doch endlich hinter sich lassen und sein Leben wieder aufnehmen. Doch je länger der Prozess andauerte, umso unwahrscheinlicher wurde es. Mittlerweile stand zu viel auf dem Spiel. Es ging ums Prinzip. Es ging um den kleinen Mann. Es ging um den Kündigungsschutz. Es ging um David gegen Goliath. Es ging aber auch darum, die Tatsache zu verschleiern, dass Arne zu viel Freizeit hatte.
„Alles, wofür ich gearbeitet habe,“ sagte Arne, „alles, wofür ich gekämpft habe, wird sich morgen entscheiden.“
„Das ist schön“, sagte ich. „Willst du danach mal ordentliches machen?“
„Erik, ich glaube, du verstehst die Tragweite der Situation nicht.“
„Ich will ja nur, dass du dein Leben auf die Reihe kriegst und...“
„Das sagt grade der Richtige!“ Arne schrie jetzt. „Du hast mich nie bei irgendetwas unterstützt! Seit du mit Beate zusammengekommen bist, ist nichts mehr, wie es war! Sie hat einen Keil zwischen uns getrieben!“
„Beate und ich sind seit mindestens fünf Jahren nicht mehr zusammen!“, schrie ich zurück. „Und du bist seit fünf Jahren auch nicht mehr da. Du rufst alle paar Monate an, um mir zu erzählen, was für Strategien dein Anwalt jetzt verfolgt. Das ist doch nicht normal!“
Arne legte abrupt auf. Die Wahrheit, was auch immer man darunter verstand, war zu viel für ihn. Ich verstand sehr gut. Sie war auch zu viel für mich. Ich widmete mich wieder meiner Bachelorarbeit. Nur noch vier Tage. Vielleicht auch schon drei.

Samstag, 28. November 2015

Textbühne #10 - 1.12.15


Ein weiterer Termin zum Vormerken. Die Jubiläums-Textbühne im Kulturcafé Mainz. In der zweiten Hälfte übernehme ich den musikalischen Part.

Samstag, 21. November 2015

Der Kettenhund liest - 21.11.15

                                               Kettenhund - Magazin für Literatur


Heute darf ich in Maikammer bei einer Lesung des Kettenhund-Magazins partizipieren. Ich freue mich und bin sehr gespannt. Es gibt Prosa, Lyrik und Musik, begleitet von einer Foto-Ausstellung. Es gibt sogar was zu essen! Man müsste verrückt sein, da nicht hinzugehen...

Mittwoch, 4. November 2015

Ohrwürmer: Thomas Patrick Maguire - House of Rain


Seit einiger Zeit höre ich nun schon die Songs von Thomas Patrick Maguire, einem jungen Singer/Songwriter aus New York, der noch kein Star ist (ob er überhaupt von der Musik leben kann, weiß ich auch nicht), aber zu den besten neuen Künstlern seiner Zunft gehört. 

Auf seiner Bandcamp-Seite kann man sich seine Alben anhören und ihn unterstützen. Ich empfehle vor allen Dingen die Alben No Suppression, Gentleman Drunk und In the Bag. Manche müssen erst fünfzig, sechzig werden, um solche Songs zu schreiben. Der Mann ist begnadet. Seine Lieder sind melancholisch, hart, no nonsense, in your face, aber doch von einer gnadenlosen Abgeklärtheit, dass man nur darüber staunen kann. Und der obige House of Rain ist ein totaler Ohrwurm. Ich dachte erst, das wäre irgendein Hit, den er gecovert hat. Zumindest hatte ich den Eindruck, nachdem ich nach Monaten wieder auf den Song gestoßen bin. Aber nein, es ist einfach nur eine seiner vielen meisterhaften Geschichten, die er mit seiner Gitarre erzählt. In einer perfekten Welt wäre House of Rain ein Hit. 




Dienstag, 13. Oktober 2015

KARACHO – 1. Festival des Actionfilms (6.-8.11.2015)

                                       Karacho

Das Kommkino hat mit dem KARACHO ein neues Filmfestival ins Leben gerufen, das sich diesmal dem Actionfilm im weitesten Sinne widmet, also nicht nur 80er Jahre Klassikern mit Schwarzenneger oder heutige DTV-Actionern mit Van Damme und Lundgren, sondern allem filmischen, was seinen Fokus auf  Aktion und Bewegung richtet. Daher finden sich nicht nur die üblichen Verdächtigen im wirklich tollen Filmprogramm, sondern auch Titel wie Rodan - Die fliegenden Monster von Osaka oder Jack Hills Pam Grier-Verhikel Coffy - Die Raubkatze. Das kluge Programm (das die Filme original auf 35mm präsentiert) bietet einen Querschnitt des Genres, der zeigt, dass der Actionfilm eben nicht nur aus stumpfer Gewalt, dünner Story und schnellen Schnitten besteht, sondern schon immer als Spielfläche für verschiedene philosophische und filmische Konzepte diente
Highlights des Festivals dürften u.a. Mark Lesters Phantom Kommando sein (dessen Filmprint unter Sammlern den Status des Heiligen Grals innehat), Dominik Grafs Die Katze (in Anwesenheit des Regisseurs), sowie OV-Prints von Jack Sholders The Hidden oder des Hongkong-Klassikers The Heroic Trio. Ein Wochenende in Nürnberg, das sich definitiv lohnt






Mittwoch, 30. September 2015

Joshua Oppenheimer über The Look of Silence

Joshua Oppenheimer in der Städelschule Frankfurt, © Sven Safarow
Im Juni dieses Jahres habe ich ein längeres Interview mit dem Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer in Frankfurt am Main geführt. Anlass war The Look of Silence, der Nachfolgefilm zu seinem unerhört brillanten The Act of Killing. Auf Eskalierende Träume kann man meine Rezension lesen. Das Interview gibt es auf NEGATIV in deutscher Sprache, hier ist das Transkript des englischen Originals. 

As I understood, you have Frankfurt roots.

That's right. My father's father's from Frankfurt.

So, you've been here a few times?

Very little, because my father's family escaped Germany just before it was too late. There is one cousin, who came last night, who remained, because his father had a non-Jewish mother, and so survived the war. Actually, his mother might be half Jewish too. So he has enough non-Jewish people in his family that they managed to survive. So, we've been here twice to visit them, and when his wife was dying, I visited, but I don't know the city well. 
 
You sure know Theodor Adorno.

Yes.

I don't know if you know this, but near the Bockenheim campus, there is Adorno's desk in a glass cage, so if you want to visit it...

I don't think any desk should ever be put in a glass cage. No matter whose desk it was! (laughs)

It's quite surreal.

I mean, they put Lenin's body in a glass cage, and I think, Mao's body's in a glass cage, and there's a giant squid that I remember visiting at the natural history museum in Washington D.C. in a glass cage. And in London, at the Hunterian museum, there's this fantastic chicken... John Hunter was the first scientist to explore xenotransplantation, and he transplanted a human toe nail into the comb of a chicken and there's a kind of curling toe nail growing out of the comb of a chicken and that's in a glass cage. But desks, and Adorno's desk should not be in a glass cage. It should be used!

You're an American citizen but you live in Denmark, right?

Yeah. I'm an American and British citizen.

How come you live in Denmark?

I moved to Denmark in 2011 from London, where I was living, because the funding for The Act of Killing ended up mostly coming from Denmark and so we had to edit the film there, or to do the second half of the editing there, we took about a year and a half. Because we cut from 1200 Hours down to 2 hours and 40 minutes, and so that was a very big process. We did that in Denmark, and after a year and a half in Denmark, Copenhagen felt like home in a way that London never did so we decided to stay. And half of The Look of Silence was edited in Denmark, because my editor Niels, he's Danish but he lives in Helsinki, so to make it easier on his family (he has children), we went to Helsinki for half of the editing.

I imagine the film is born in the editing room. There's so much material but it's the way you arrange it, so how long does this process take?

It varies. On The Act of Killing, we had, like I said, 1200 hours, and in London I had two editors, working side by side, with two assistants, to help working full time for a year and a half, cutting 1200 hours of material down to 23 hours of edited scenes. The material was so dense and layered and interesting that we could not simply throw away whole parts of it, almost everything was good. I don't mean every moment was good, but every scene, every real scene was good. And to understand the complexity of the film, they needed to be cut. It was just the way we had to work with that film to understand the layers of performance. You see, genre inspired dramatizations in The Act of Killing require many different editing languages but there has to be an overall consistency because the closeness or distance, it defines a kind of moral point of view, it defines this kind of delicate balance between being very intimate and also standing back and allowing things to unfold in their own time. So, to find that across many different genres, many different styles of footage took a lot of effort and work; and then to figure out what strands are most important, also required editing the material. Are the workshops, where Anwar and his friends are developing scenes, writing scripts, discussing what should be in and out, is that most important? Or are the scenes themselves most important? Or does that change over the course of the film? So, to be able to answer these questions, we needed to get past this mountain of footage to some concrete scenes and that took a year and a half with two editors working full time, and then we moved to Denmark to cut the finished film and it was about a year working with Niels Pagh Andersen to reach the Director's Cut of the original full-length Act of Killing. Then we decided that it would be necessary to make two shorter versions, one for television and one for more commercial cinemas that would not be willing to show a two-and-a-half-hour-long documentary and so we spent another three months cutting the shorter versions. I can say, that those are absolutely lesser films. They contain a subset of the film. They lack the depth and rigour of the full-length film. Sadly, in Germany, almost only the shorter version came out in Cinemas. Luckily, in Germany only the full-length version is on DVD.

At least, you edited the shorter versions yourself.

At least, I wasn't forced to do it. No distributor came in and said, „We have to take out 40 minutes and we're doing it!“ I did it. But it was a very difficult process, it wasn't a happy process. I have no aversion to conventional length, I have no philosophical hatred of that, The Look of Silence is 99 minutes long at 25 frames per second.

Is that the Director's Cut?

That's the only cut. And that's just its natural length. The Act of Killing's natural length, because it's a more broad story, it's a whole political exposé, it's Anwar's journey, it's a fever dream, the natural length is 2 hours and 40 minutes. That doesn't come together in perfect synthesis in the shorter versions but the difficulty of the shorter versions is when you know you're not making something better, you're simply trying to keep it alive, it's demoralizing. You spent seven, eight years making a film and everybody, the producer, the editor, everybody is saying, „this is the film!“ But for very practical reasons you have to shorten it and you have to then make it worse, and, like a surgeon, removing organs from a patient, you're simply trying to keep the thing alive, you're not trying to make it better, that's not a fun process. So, that took three months, and then, there was another three months for post-production, for sound and colour. So, it was about three years from the start of the editing to the completion of the film, whereas The Look of Silence, because I was working with same editor who made The Act of Killing with me, and because we knew what the film was, (we'd already edited it and we'd already released it by the time we were editing The Look of Silence), we were able to build on all the wisdom we gained through the making of The Act of Killing. It was like a dance between me and the editor, we were always together in the editing room, not because I was trying to control him or oversee everything he did, but because we were doing something together that neither of us could do alone. It was a very unique process.

You mentioned colour. What did you do with the colour?

Well, both of my films, with The Act of Killing in particular, were shot on handycams, on Sony Z1 HDV Cameras, which are more or less obsolete. The quality of all the footage was high in terms of all the work that went into shooting it, but... to make The Act of Killing look as it looked was a great deal of work. I'm very careful with the colour. I'm thinking in great detail were drawing out colours, which is easier to do with better cameras but takes a long time with worse cameras because you have less control with the cheaper cameras. The way the colour's encoded affords you much less control. Even The Look if Silence, we shot with better cameras than The Act of Killing, but because The Act of Killing is my first film and had not yet come out when we shot The Look of Silence, we didn't really have a proper budget for shooting it. We had more money than when we were shooting The Act of Killing but still very little, so we used also handycams, very very basic cameras. The cinematographer for The Look of Silence, I think, is being interviewed for American Cinematographer because somebody there likes cinematography which is wonderful, but I think they will be appalled when they hear what cameras we shot with. But they should be even more admiring, I think, because I think he did a brilliant job, Lars Skree, giving the cameras that we had available, and even more so for Carlos Arango De Montis for The Act of Killing because the cameras were even worse. But the colour... you can use the colour, you can brighten or darken certain parts of the image, you can enhance the colour, you can make it cooler, warmer and you can simply enhance the mood of every scene if you take the time to do very careful work. 

TLOS_GLASSES: A scene from Joshua Oppenheimer’s documentary The Look of Silence. Courtesy of Drafthouse Films and Participant Media.
 
I noticed, the Look of Silence was executive produced by two of the greatest living documentary filmmakers in my opinion, Werner Herzog and Errol Morris. I know, they already supported The Act of Killing and you did the Audio Commentary with Herzog on the DVD. What did they do on the new film?

(laughs) I really would love to say that they did a lot but they didn't do so much on The Look of Silence, in part because I was shy to show them the film until it was pretty much done, and because I was editing the film while they were still enthusiastically supporting the release of The Act of Killing. So, rather than show them rough cuts which I knew we could make better and which I was nervous they might be disappointed by after The Act of Killing, and rather than distract them from the work they were doing on The Act of Killing, I didn't show them the film until I had a fine cut. Then I sent it to Werner and to Errol, and I was nervous that they would say this was not as good as The Act of Killing, but they didn't. Errol said, it was better, and Werner said, it's different but just as good. Both of them now have been enthusiastically and actively involved with helping The Look of Silence find an audience in the same way they've done with The Act of Killing. I should say though that Werner and Errol have been both so important to how I became a filmmaker that I feel like they're almost sitting with me in the editing room, and when I'm shooting, and when I'm devising my new films now. They're with me all the time in some way, and I certainly don't think of Werner as one of the greatest documentary filmmakers of all time, I think, he's simply one of the greatest filmmakers of all time, and I would challenge you to find a better film than Even Dwarfs Started Small or Stroszek or The Enigma of Kaspar Hauser or even Woyzeck. Aguirre, the Wrath of God is of course phenomenal and his recent works continue to be incredible. I think that his Bad Lieutenant is amazing, My Son, my Son, what have ye done, that he did the same year, is quite remarkable. And he's just shot another film with Michael Shannon, Salt and Fire, which I'm very eager to see, I've read the script. I think, he's just a force of nature. 
 
I understand, you met him, like, 15 years ago?

Werner... well, my mentor and another person who's always right by my side, in my mind with everything I do in film is Dusan Makavejev, and I'm thinking really of his earlier films, from the 60s and 70s, films like WR – Mysteries of the Organism, Sweet Movie, Innocence Unprotected, Man is not a Bird. He had Werner come to his class, to our film class, and I met him very briefly then. And in 1997, Werner introduced my first film, a short film, at the Telluride Film Festival but hadn't seen it but I do remember he gave the introduction. But I really met Werner in 2012 in the lobby of his hotel in London when he was promoting Into the Abyss. And my British executive producer André Singer produced some of Werner's documentaries. He and I both wanted Werner to see The Act of Killing and I came with an IPad containing 10 minutes from the film and a DVD of the uncut film and showed him 10 minutes on the IPad in the lobby of his hotel, and then he asked for the DVD. I didn't hear from him for three months but then he called. He saw the film and got involved.
 
I noticed that you thanked Makavejev in the end credits and you thanked Slavoj Zizek as well. Is he a supporter? Or are you inspired by his work?

Slavoj Zizek has written about The Act of Killing and lectured about it quite a bit actually. It's a humorous thing, I think, because The Act of Killing is one film that you really do not need to exaggerate. I think, it's quite extreme already and quite shocking by itself, but Zizek in his lectures will describe scenes from The Act of Killing that are simply in Zizek's mind but it's fantastic... (laughs) I came to know Zizek because I passed on to a friend of Zizek a DVD of clips from the film before we started editing the scenes who then showed it without my knowledge to Zizek. Zizek was giving a large lecture at the New School in New York, and an Indonesianist, a historian of Indonesia, was at the lecture and called me afterwards and said: Joshua, Slavoj Zizek's talking about your film“, what became The Act of Killing, and I said: „That's impossible, I don't know Slavoj Zizek, I never showed him anything, it must be another film“, and I didn't know my friend was friends with him. And he said: „Watch the lecture, it's on youtube“, and indeed it was, and it was problem, because it was endangering potentially up my crew for him to talk about the film publically, because we were still making the film. In fact, I think, we still did a little more shooting at that point, and we were not yet prepared to guard everybody's safety and anonymity. And I contacted the organizer of the lecture and I said: „He's talking about my work and there's a safety issue here, can you forward an e-mail to him?“ So I wrote a letter to him saying „Thank you so much for talking about this, what you're saying is very interesting, but I need you to stop talking about it until the film's done.“ And he apologized profusely and wrote a very lovely reply, but then continued to lecture about it, I think he forgot! (laughs) And then he published a book with several pages about it, Living in the End Times.

TLOS_ADI_MOTHER: Adi and his mother, Rohani, share a solemn moment in Drafthouse Films’ and Participant Media’s The Look of Silence. Courtesy of Drafthouse Films and Participant Media.

Good intentions vs. Good art. Good intentions do seldom make good art. Look at Hearts and Minds, this documentary about the Vietnam War, for example. I think, it's dangerous because it's very antagonistic towards the American soldiers. When I watch The Look of Silence, I'm not only having antagonistic feelings towards the perpetrators but I have complicated feelings, feelings of pity and empathy...

Because you feel that they're trapped in a prison of guilt and their own fear of guilt and shame, and it's very understandable, their reactions, if you had done something awful and someone visited you to challenge you, you would get angry too. 
 
You do that so marvelously, but it's a thin line...

That's interesting. I haven't seen Hearts and Minds in a long time but I actually, from my experience of the film years ago, I loved the film. Because I think, it's a political vision. It's an excoriating vision of decades of policy that it helps us understand and map, it's like the work of Adam Curtis, it helps us tell new stories about very big things in which we're lost otherwise. That's my memory of the film but it's a decade since I've seen it, maybe more. Good intentions do not necessarily lead to good art, usually they do not, but you can't make good art without good intentions. I think that good art has to have a moral truth. I, for example, think that Leni Riefenstahl did not make good art. What art needs to do is to provoke and encounter with some painful, important aspect of what we are, things that we usually already recognize as familiar, and then there's a shock of the familiar there, where we think, oh yes, absolutely, this is us, this is me, and I cannot help but think and talk about this having encountered it through the art. And art that exists as pure escapism, to lead us away from the truth, to overwhelm, to inspire but to take us away from a sincere, morally honest humane encounter with our own humanity can never be good art and it's always made through bad intentions, even if the intentions are unconscious. People sometimes hear me say this and they think, “Oh, you feel that all art should be painful and difficult.“ Maybe I do have a feeling that all genuine art should provoke some discomfort, I do, and take us to a place of risk and danger but that doesn't mean that film and time-based art (film, literature) should not also entertain, I think it must entertain. And entertain is a very cheap sounding word but it's important because if I'm making a two hour and forty minute film, The Act of Killing or one hour and thirty minute film, The Look of Silence, and I have something important to say and each scene is building on the previous scene and is creating a single immersive experience, you had better be absorbed by the whole thing. And entertain is simply a populist word for absorb. So I would say, for example, for me personally, Django Unchained or The Wolf of Wall Street, these are highly entertaining but important works of art, actually. I think, where the intention is not good, even if it's unconscious, is in the production of escapist entertainment whose primary goal is to make somebody a lot of money or to validate somebody's illegitimate power, referring back to the case of Leni Riefenstahl. 
 
Thank you very much!



Montag, 7. September 2015

Das Buch zum Film


Als ich noch zu Schule ging, wurde ich öfter gefragt, ob ich denn den Film Der Club der toten Dichter schon mal gesehen hatte? Das hatte ich nicht. Wäre aber auch nicht weiter schlimm, das Buch wäre sowieso viel besser. Und so kam es, dass ich irgendwann tatsächlich Der Club der toten Dichter gelesen hatte. Autor war ein gewisser N.H. Kleinbaum. Ich würde gerne glauben, dass ich schon damals stutzig gewesen bin, ob der Film wirklich auf dieses ominöse Buch zurückging (mit Robin Williams auf dem Cover). Hieß es auf den ersten Seiten nicht außerdem, das Buch basiere auf einem Drehbuch von Tom Schulman?
Irgendwann zumindest wusste ich Bescheid, wurde mir aber immer wieder Leute gewahr, die von diesem Buch (und nicht vom Film) sprachen, ja, manch einer hatte es sogar in der Schule durchgenommen, eine bizarre und faule Praxis des Lehrers, die auch mich einmal treffen sollte: in der zehnten Klasse haben wir im Englischunterricht das englischsprachige (Penguin-)Buch zum Film Gladiator gelesen. Ridley Scotts Film hingegen kenne ich bis heute nicht!
Der Punkt ist, dass Filme wie Der Club der toten Dichter oder Gladiator eben keine Literaturverfilmungen sind und dass das „Buch zum Film“ quasi nur den Film nachäfft. Seine ganze Existenz ist eine rein parasitäre. Das „Buch zum Film“ ist von seiner gesamten Anlage her nichts als Merchandising, Resteverwertung, vielleicht auch Betrug.

Die deutsche Wikipedia-Seite zu Nancy Kleinbaum (eine englische gibt es bezeichnenderweise nicht) sagt folgendes:

„Kleinbaums Roman Dead Poets Society ist weniger ein eigenständiges literarisches Werk als eine Art Merchandising-Produkt, das sich den Produktionsverhältnissen Hollywoods verdankt. Dieses Buch, ein movie-tie in, wendet sich an die Zuschauer, die den Eindruck des Films durch eine nachträgliche Lektüre vertiefen oder nochmals evozieren wollen.“ (Stand 07.09.15)

Als ich letztens mein Lieblingsantiquariat aufgesucht hatte, ist mir dieses Buch aufgefallen: Key to Nancy H. Kleinbaum – Dead Poets Society. Das Ding hatte offensichtlich Karriere in den Schulen gemacht, gibt es immerhin ein ganzes Buch mit Erläuterungen und Aufgaben dazu (sogar mehrere, s. ihre Wikipedia-Seite). Vielleicht dachten sich die Lehrer, wenn es vorher ein Film war, macht es das Lesen spannender. Vielleicht hat sogar das eine oder andere „Buch zum Film“ einen Lesefaulen wieder dazu begeistern können. Oder die Lehrer wussten es einfach nicht besser...




Aber es gibt sie dennoch, die interessanten, gut geschriebenen Bücher zum Film. Leonard Schrader, Bruder der legendären New Hollywood-Persona Paul, hat drei novelizations zu den Filmen Pauls verfasst. Die erste, The Yakuza, war die ambitionierteste, keine schnelle Nacherzählung des von Sydney Pollack adaptierten Films, sondern ein waschechter Kriminalroman mit hard boiled-Anleihen, aber auch sentimentalen Passagen. Der Roman war in jedem Fall gut genug für den Berliner Alexander Verlag, der es mit einem interessanten Nachwort von Filmwissenschaftler Norbert Grob herausbrachte. Und er ist tatsächlich wirksamer auf dem Papier als auf der Leinwand. 
Die anderen beiden Bücher, Blue Collar und Hardcore sind eher Schnellschüsse, aber immer noch von einem großartig auf den Punkt gebrachten Stil, schnell, hart, pragmatisch. Dazu gibt es immer wieder persönlichere Momente, wie die in Hardcore, die auf die Biographie von Leonard und Paul Schrader verweisen (dazu mehr in meinem Essay in der Splatting Image 92).  



Der Bruch von Wolfgang Kohlhaase ist ein ganz ominöser Fall des „Romans zum Film“. Da ich Kohlhaases Filme sehr schätze und auch mit seiner Drehbuch-Prosa sowie dem Kurzgeschichtenband Silvester mit Balzac was anfangen konnte, war ich sehr neugierig auf dieses Buch. Hatte er etwa sein eigenes Skript noch einmal in Prosaform gegossen? Klingt abseitig, aber genau das hat Leonard Schrader ja auch gemacht (The Yakuza und Blue Collar basierten auf Drehbüchern, die er gemeinsam mit seinem Bruder schrieb). Aber ein Blick ins Buch lüftet das Geheimnis, denn gleich auf der ersten Seite des „Romans“ ist zu lesen: „Ein Kino, irgendwo in Berlin. In einem S-Bahn-Bogen. Auch der Film, der im Kino gezeigt wird, angekündigt auf einem handgemachten Plakat, heißt 'IRGENDWO IN BERLIN'. Das Kino sieht ärmlich aus. Pappe statt Scheiben in den Fenstern.“ Der Bastei-Verlag hat einfach Kohlhaases Drehbuch genommen und hat es lediglich umformatiert, dass es nach Prosa aussieht. Kann sein, dass einige komplizierte, technische Beschreibungen weggefallen sind. Aber ansonsten ist dieser Roman zum Film schlicht und ergreifend das Drehbuch zum Film Der Bruch. Etikettenschwindel (ist aber auch besser so)! Ich schätze mal, Kohlhaase selbst hat mit dieser Art von Vermarktung nichts zu tun gehabt.

Es gab sogar mal novelizations zu Comics. Ich hatte als Teenager einen Superman-Roman von Peter David gelesen, in dem es um Supermans Tod und Auferstehung ging. Aber das ist eine andere Geschichte aus der heiteren Welt der Vermarktung. Genug davon. 

 

Sonntag, 9. August 2015

Überdrüssiges Schmetterlingsgezappel - Teil 2



„Was machen sie hier eigentlich in dieser Bar, ganz allein?“ Er schien sich zum ersten Mal für mich zu interessieren. Vielleicht fand er mich auch komisch.
„Ich habe mich mit einer attraktiven Mittvierzigerin zum Sex verabredet. Aber sie ist nicht gekommen.“
Ich war überraschend ehrlich. Eine irritierende Mischung aus Alkoholismus und Respekt. Aber ich konnte diesen Mann auch nicht anlügen. Seine Filme hatten schon mehrmals meine Seele durchbohrt. Einfach so. Das Mindeste, was ich tun konnte, war, so aufrichtig wie möglich zu sein.
„Eigentlich studiere ich noch. Aber meine Leidenschaft gilt dem Schreiben. Ich hab mal den Tod und das Leben einen sehr langen Dialog führen lassen. Vielleicht etwas zu prätentiös.“
„Sagen sie das nicht“, mahnte er, „nur die großen Themen sind interessant. Wer braucht schon Bücher, die von egomanischen jungen Leuten handeln, die jede Nacht zu viel trinken und keine Frauen abbekommen?“
Da schwieg ich mich über mein aktuelles Projekt lieber aus.
„Erzählen sie mir von ihrem Stil. Schreiben sie wie Hölderlin?“
„Na ja... wenn ich gut drauf bin, schreibe ich mindestens wie Büchner.“
„Das reicht mir. Sie müssen auf der Stelle ein Drehbuch für mich improvisieren. Ich habe beschlossen, mit ihnen einen Film zu drehen.“
„Was, jetzt?“
„Ja. Sie gehen bei mir in die Schule und assistieren mir bei einem Film, den wir jetzt konzipieren und heute Nacht noch drehen.“
Am Tresen war gerade ein Traum wahr geworden. Zergog und ich würden einen Film drehen. Er musste verrückt sein.
„Es muss beginnen mit einem Schwarzbild und einem Voice Over. Ein Monolog über Leben und Tod folgt, den schreiben sie jetzt. Dann sehen wir, wie sich die Kamera in einer nächtlichen Straße bewegt und das zu Mussorgskis Ouvertüre von 'Boris Godunow'. Ja, genau. Dann bewegt sich die stumme Hauptfigur, sie, durch eine verwüstete, apokalyptische Landschaft. Keine Autovermietung weit und breit.“
„Fantastisch“, sagte ich. „Aber wo kriegen sie jetzt um die Uhrzeit einen Kameramann her?“
„Haben sie ein Smartphone?“, fragte er.
„Ja...“
„Dann machen wir das damit. Man muss mit dem arbeiten, was man hat. Inspiration darf nicht von Technik definiert werden.“
„Das ergibt Sinn...“
„Heutzutage kann man doch einen Film auf seinem Handy drehen“, sagte er, „der Fortschritt hat die Kunst demokratisiert. Es gibt keine Ausreden mehr.“
„Ja, das stimmt schon. Aber den Film wirklich auf dem Handy zu drehen...“
Sein Gesicht verhärtete sich: „Dieser Film ist wichtiger als wir beide. Er muss gedreht werden. Wir können ihn nicht verhindern, es liegt nicht in unserer Macht. Also los, schreiben sie ihren Monolog.“
Ich besorgte mir Servietten von dem Wirt, der uns die ganze Zeit misstrauisch beäugte und begann darauf zu schreiben. 
Zergog entschuldigte sich und ging auf die Toilette. Ich war wie elektrisiert. Manchmal sendet dir das Leben Signale und wenn du sie nicht empfängst, bist du ein Trottel.
Ich erinnerte mich an eine Nahtoderfahrung, die ich mal als Kind hatte. Ein Pudel hatte mir mal fast den Finger abgebissen, als ich dabei war, eine Scheibe Fleischwurst zu essen, die mir die freundliche, dicke Thekenfrau in der Metzgerei gab. Gut, so gefährlich war das nicht. Aber der Pudel hätte mich um einen oder mehrere Finger bringen können. Und ich wollte damals Konzertpianist werden. Ich war drei. All diese emotionalen Dinge flossen in den Monolog ein.
„Was ist der Tod? Und was ist schon das Leben?“, schrieb ich auf die Serviette. Ich hatte sie bald vollgeschrieben, verlangte nach weiteren und schrieb mich in einen regelrechten Rausch. Zergog brauchte verdächtig lange auf der Toilette, doch ich war gerade in Fahrt und machte einfach weiter. Irgendwann war ich durchgeschwitzt, vor mir ein Bündel vollgeschriebener Servietten. Die Gäste hatten sich alle verzogen. Der Wirt sah mich misstrauisch an. Wo war Zergog?
Ich entschloss mich, auf die Toilette zu gehen. Vielleicht war ihm etwas passiert. Doch er war nicht da. Ich ging wieder hinaus und fragte den Wirt: „Entschuldigung, haben sie den älteren Herrn gesehen, der hier längere Zeit mit mir saß?“
„Der ist längst gegangen.“
„Gegangen? Das kann nicht sein.“
„Und du gehst jetzt bitte auch, es ist sechs Uhr in der früh.“
Ich war sprachlos. Zergog war einfach gegangen. Er musste wohl bereits auf Locationsouting sein. Ich sammelte meine Servietten ein und wollte gehen, als der Wirt mich am Arm packte: „Nicht so schnell. Du schuldest mir 30,75.“
„Wie bitte?“
„30 Euro und 75 Cent. Für das Bier und das Schnitzel, das er vorher hatte.“
Ich bezahlte und ging hinaus. Es dämmerte bereits. Ich betrachtete die Servietten und warf sie weg. Ich habe Zergog niemals wiedergesehen.


Sonntag, 2. August 2015

Überdrüssiges Schmetterlingsgezappel - Teil 1



Eine Erik Wasilewski-Hommage

Ich erkannte den Mann an der Theke zunächst nicht. Bloß ein alter Mann mit einem abgestandenen Bier vor sich. Das Übliche. Erst, als er mich nach der Uhrzeit fragte, überkam es mich.
„Entschuldigen sie bitte, wie spät ist es?“
Diese Stimme würde ich immer und überall erkennen. Sie gehörte dem Filmregisseur Gunther Zergog, einem der ungewöhnlichsten deutschen Autorenfilmer der 70er Jahre. Ich hätte nie gedacht, ihn hier zu treffen, wohnte er doch, soviel ich wusste, abwechselnd in L.A. und an der Cote d'Azur. In seinem eigenen Land waren seine grenzüberschreitenden Werke nicht gern gesehen.
„Sie sind es“, stammelte ich.
„Die Uhrzeit?“
„O ja, natürlich. Entschuldigung. Es ist viertel vor zwölf.“
„Das ist es oft“, sagte er. Ich nickte.
Seine Stimme war meditativ und einlullend, wie gemacht für seine exzentrischen Dokumentationen über kleinwüchsige Löwenbändiger und außer Mode gekommene Diktatoren, die sich als Gigolos verdingen mussten.
Warum saß ich neben diesem Mann, dieser lebenden Legende, in einer ranzigen kleinen Kneipe ohne Ventilation? Heute war der heißeste Tag seit 113 Jahren, zumindest laut den Nachrichten. Die Schwimmbäder waren überfüllt. Italienische Eisdielenbesitzer hatten für lange Zeit ausgesorgt. Gleise hatten sich verformt und den Zugverkehr in weiten Teilen unmöglich gemacht. Zum Glück war gerade Bahnstreik. 
„Ich bin ein großer Fan“, sagte ich. Meine Kehle war wie zugeschnürt und obwohl meine Stimme über ein doch sehr selbstsicheres Timbre verfügte, klang jedes Wort, als würde es wieder zurück in den Mund wollen. Wo es wohlig warm war.
„Vielen Dank, junger Mann. Trinken sie ein Bier mit mir?“
„Sehr gern. Was machen sie denn hier in Deutschland, Herr Zergog?“
„Ich kriege morgen einen unbedeutenden Preis verliehen“, sagte er.
„Warum nehmen sie ihn dann an?“
„Mein PR-Berater hält es für eine gute Idee.“
„Sie haben einen PR-Berater?“
„Ohne ginge es nicht. Ich bin Künstler, ich kann mich solchen Dingen nicht widmen. Ich muss bis zur massivsten Entäußerung menschlicher Existenz vordringen. Da bleibt keine Zeit für Marketing. Aber ohne Marketing geht nichts. Das ist das 21. Jahrhundert.“
Das war es tatsächlich. Trotzdem klang das nicht nach dem Gunther Zergog, den ich durch so beeindruckende Filme wie Fitzcarracho und Auch Kartoffelbauern haben an der Umfrage teilgenommen kannte. Zergog war ein Künstler, der sich stets in gefährliche Situationen stürzte, um Bilder zu finden, die noch nie jemand auf Zelluloid gebannt hatte. Sein Anliegen war ihm todernst. Seine Filme waren es auch.
„Mein PR-Berater hatte mir auch geraten, diese 'harte Mann'-Nummer zu spielen. Es hat sich ausgezahlt.“
„Was reden sie da? Haben sie etwa nicht allein gegen einen indianischen Stamm gekämpft, während den Dreharbeiten zu Die letzten Indianer können keine Kannibalen mehr werden? Oder haben sie nicht mit Komodowaranen gerungen, als diese versucht haben, ihre Hauptdarstellerin zu fressen?“
„Das ist Jahre her. Ich bin nicht mehr so fit. Erinnern sie sich an dieses Internetvideo, wo ich angeschossen werde und den Sniper mit eigenen Händen erwürge? Das war gestellt.“
„Wie bitte?“
Daraufhin bestellten wir beide einen Schnaps. Das musste ich erst mal verdauen. Die berühmte Sniper-Geschichte, aus der Steven Spielberg persönlich den Blockbuster Beware the German machte, war ein Fake? Durfte er mir das alles überhaupt anvertrauen? Plötzlich fühlte ich einen Priesterkragen an meinem Hals, der meine Luftröhre immer mehr zu verengen schien.     
„Ich sollte mal ein ISIS-Video drehen, aber da wurde mir von abgeraten. Schlechte Presse. Aber die haben mir eine Menge Kies geboten.“
„Jetzt hören sie aber mal auf.“
Zergog lachte nur, holte einen Kugelschreiber hervor und schrieb mir eine Summe auf einen Bierdeckel. Ich war baff.
„Okay, ich hätt's auch getan. Für weit weniger.“
„Mein Leben besteht aus Legenden“, begann er zu sinnieren. „Wenn ich an mein altes Leben zurückdenke, weiß ich oft selbst nicht, was wirklich passiert ist und was nicht. Manchmal will ich alles wegsaufen. Aber ich vertrag nicht so viel.“
„Denken sie an ihre Filme. Die sind immer noch da draußen. Die kann ihnen keiner nehmen.“
„Alles, was ich jemals wollte, war, die Welt zu begreifen. Die Welt als Ganzes. Verstehen sie?“
„Ist das nicht etwas viel auf einmal?“
„Ich habe die Welt mit meiner Kamera erkundet. Um mich zu verstehen. Meine Aufgabe auf diesem Planeten. Ich habe Gott gesucht. Und Los Angeles gefunden.“
„Ihre Filme bedeuten vielen Menschen etwas“, sagte ich. „Auch mir. Na ja, nicht alle. Manche gefallen mir persönlich besser als andere. Aber das ist normal, nicht wahr? Ich mag die Filme von ihnen, die nicht so schwer zu verstehen sind. Die ein bisschen witziger sind.“
Ich versuchte zu retten, was zu retten war, machte aber keine gute Figur dabei. Zergog war offensichtlich sehr deprimiert und desillusioniert. Und das jenseits der 70. Das ist sehr spät für derartige Krisen. 
„Nehmen sie zum Beispiel den Film, den sie über Wolf Wunderlich gemacht haben.“
Wunderlich war ein exzentrischer deutscher Schauspieler, der viel Mist in den 70ern gedreht hat, aber auch einige Meisterwerke mit Zergog, wie Grundriss der deutschen Grammatik, über die RAF oder Brynych, eine Außenseiterballade über einen labilen Schwimmlehrer, die in Texas spielte. Seine Rollen waren stets sehr groß angelegt, episch und anspruchsvoll, aber als Person soll er sehr schwierig gewesen sein. Er redete mit dem Regisseur am Set nur, wenn er mit „Hildegard“ angesprochen wurde. Er prügelte sich mit Technikern und anderen Schauspielern. Er griff Passanten auf offener Straße an (bei Außendrehs), legte sich mit Hausmeistern und Zimmermädchen an (im Hotel), schlief mit den Ehefrauen der Produzenten, schlug sich mit den Produzenten, befolgte keine Regieanweisungen und benahm sich generell daneben. Aber er war ein toller Schauspieler.
„Ach, dieser Film, eine einzige sentimentale Verklärung“, sagte Zergog. „Ich war viel zu nett zu diesem Großmaul. Den Film bezeichne ich insgeheim als überdrüssiges Schmetterlingsgezappel. Wichtig ist, was in dem Film verschwiegen wird. Wie ich unter der Fuchtel meiner damaligen Freundin stand, die in keinen Dokumenten auftaucht. Dabei hat sie mir jahrelang das Leben zur Hölle gemacht. Deswegen bin ich doch um die Welt gereist, habe Filme gemacht im Dschungel, in der Arktis, im Kriegsgebiet. Ich wollte Urlaub von ihr. Dazu wollte ich sichergehen, dass sie mir nicht folgt. Sie hasste die Hitze. Und die Kälte. Und sie verabscheute Gewalt. Aber sie begleitete mich dennoch bei jedem Dreh.“
„Das tut mir leid.“
„Das brauch es nicht. Sie wurde vor ein paar Jahren von einem Bären gefressen.“
„Immerhin.“

Fortsetzung folgt

Freitag, 3. Juli 2015

quote unquote: Memoiren eines alten Arschlochs

Roland Topor war vor allem als Zeichner bekannt, doch er war auch, neben Arrabal und Jodorwsky, einer der Mitbegründer der Panik-Bewegung und machte demnach auch als Autor absurder Theaterstücke von sich reden. Außerdem schrieb er den sehr seltsamen, beklemmend-komischen Roman Der Mieter, den Roman Polanski sehr schön verfilmt hat. Ein Werk, das nicht ganz so bekannt ist, sind die Memoiren eines alten Arschlochs, auf die ich zufällig in einem Antiquariat gestoßen bin. Der Ich-Erzähler dieses Jahrhundertwerks erzählt, wie alle großen Künstler des 20. Jahrhunderts eigentlich nur ihn plagiiert haben. Dazu gibt es immer wieder skurrile Begegnungen mit berühmten Schriftstellern, Maler und Komponisten. Hier, zwei Auszüge:










Freitag, 12. Juni 2015

Christopher Lee (1922-2015)



Erst Price, dann Cushing und jetzt auch noch Lee. Christopher Lee ist tot und mit ihm eine Ära des Kinos, die viele von uns erst zuhause auf DVD kennengelernt haben. Der ausgebildete Opernsänger gehörte zu der zweiten Welle der großen Horrorstars (zu der ersten Welle zähle ich Karloff, Lugosi, Carradine, Zucco und andere), die zwar immer noch eloquent und distinguiert waren, aber auch weitaus blutrünstiger. Die Filme waren mittlerweile bunt, an roter Farbe wurde nicht gespart. 
Und trotzdem: wenn ich an einen Film mit Peter Cushing oder Christopher Lee denke, kommt mir nicht Dracula oder Frankenstein in den Sinn, sondern altmodische Wohnzimmer, bequem aussehende Ledersessel, der Konsum von Brandy (und das schon mittags) und wunderschönes BBC-Englisch. Ich denke an wohlerzogene Gentlemen, mit denen man sich stundenlang über Shakespeare unterhalten könnte, die aber gleich mehrere Leichen im Keller haben und kein Problem damit hätten, dich ihren dunklen Plänen zu opfern. 
Christopher Lee hätte von dieser klassischen in die harte neue Welle des amerikanischen Horrorfilms vordringen können. Man hatte ihm die Rolle des Dr. Loomis in Halloween (1978) angeboten, doch er winkte ab. Donald Pleasance bekam den Part und sicherte sich so seine Rente. Aber Lee konnte sich auch nicht beschweren, steht er doch im Guinness-Buch der Rekorde aufgrund er Anzahl seiner Film-Credits. 

In einem Featurette zu The Bloody Judge (1969) erinnert sich Regisseur Jess Franco an seine Zusammenarbeit mit dem im wahrsten Sinne des Wortes großen Schauspieler (1,96 m). Franco mochte ihn, hielt ihn aber auch eher für humorlos. Er könnte Recht gehabt haben. Warum? Man schaue sich nur mal seine Interpretation des Dr. Fu Manchu für Harry Alan Towers‘ fünfteiligen Filmzyklus an. Lee spielt diese lächerliche Groschenromanfigur mit einem stoischen Ernst und einer unerhörten Liebe zum Detail. Man schaue sich im Vergleich MGMs The Mask of Fu Manchu (1932) an, eine absurde Posse ist das, mit einem Boris Karloff außer Kontrolle. In einem Interview nannte Lee Fu Manchu allen Ernstes eine der ganz großen Rollen. Insofern mag er durchaus humorlos sein. Aber was für ein Engagement! Er selbst hielt sich vielleicht für einen großen Schauspieler, der er wahrscheinlich nur bedingt war, aber mit was für einer Ernsthaftigkeit er an seine Arbeit herangegangen ist, ist bewundernswert. Und natürlich ist es großartig, einem Schauspieler zuzusehen, der sich auf die ikonischen Rollen stürzt, wie Dracula, Fu Manchu, Rasputin, Sherlock Holmes, Moriarty, Saruman. Und dieser hypnotische Blick! 

Auch ließ er sich immer wieder auf Franco ein. Es war ihm ein ausgesprochenes Vergnügen, Nachts, wenn Dracula erwacht (1970) zu drehen, weil Franco und er Bram Stokers Original so nah wie möglich kommen wollten. Leider ging Produzent Harry Alan Towers das Geld aus und der vielversprechende Film wurde zu einem obskuren Billigfilmchen abgestempelt (das dennoch seinen Reiz hat). 
Franco erzählt auch gern, wie Lee irgendwann aufhörte, sich so ernst zu nehmen wie er es immer tat und dass er irgendwann lockerer wurde. Aber ohne seine sagenhafte Steifheit könnte man sich Lee nicht als Sherlock Holmes‘ Bruder in The Private Life of Sherlock Holmes (1970) vorstellen, als diabolischer Fu Manchu, als missgestalteter Löwenbändiger in Circus of Fear (1966), als satanischer Professor in The City of the Dead (1960), und so weiter und so fort. Obwohl er als Scaramanga doch unendlich entspannt rüberkommt. So oder so, er wird schmerzlich vermisst. 

Samstag, 30. Mai 2015

quote unquote: Die Tagesshow



Die folgenden Zitate stammen aus Walter van Rossums tollem Buch Die Tagesshow. Wie man die Welt in 15 Minuten unbegreiflich macht, auf das ich auf Stefan Niggemeiers Blog gestoßen bin. Es ist mindestens genauso polemisch wie analytisch, wütend wie humorvoll. Fernab von abstrusen Theorien zeigt van Rossum die strukturellen Probleme der "Idee" Tagesschau, die man nicht einfach wegdiskutieren kann. Gibt's auch als Radiofeature.


Die Tagesschau hat im Laufe Jahre ihre eigene Dramaturgie entwickelt. Das heißt, sie reagiert nicht auf die Welt, auf die Natur der zu vermittelnden Ereignisse und Strukturen, über die sie zu berichten vorgibt, sondern sie reproduziert vor allem sich selbst.“

Die Tagesschau zeigt uns niemals eine Welt und schon gar nicht unsere Welt, in der wir uns orientieren müssen, sondern sie wiederholt stets nur ihre extrem restringierte Ikonographie. Die Tagesschau erzeugt das Kontinuum der Welt als die ewige Wiederholung ihrer eigenen Stereotypen.

Und wenn man versucht, dahinterzukommen, worin die außerordentliche Bedeutung von Anne Will bestehen soll, dann stößt man in erster Linie auf die Semiotik ihrer Augenbrauen.

Man präsentiert uns die Welt als eine Folge simulierter Ereignisse, eine Realität, die keinerlei Wert auf unsere Beteiligung legt, ein pausenloses Fait accompli. Das Reale ist stets ein Prozess. Die Tagesshows stellen das Reale still, frieren es in Ereignissen ein, die keine sind. Ereignisse, in denen das Reale Audienz gewährt: ein Blick auf den Kabinettstisch voller verschlossener Akten, eine Pressekonferenz bei Porsche oder Telekom, wo Wirtschaftskapitäne Kurs nehmen, aber der Besatzung das Ziel verschweigen.“

Und wie wir gesehen haben, bedeutet die Unbegreiflichkeit der Fernsehnachrichten nicht, dass sie nichts bedeuten, sondern sie produzieren Markierungen des Realen, geben dem Faktischen das Gewicht des Normativen. So ähnlich funktioniert auch der Fernsehkommentar. Dieses Wortgeschwurbel mag lächerlich sein, wenn man intellektuelle Erwartungen hegt, aber dieser verbale Impressionismus hat Methode, die es versteht, ihre Botschaften an den Mann zu bringen. […] Seht her: Es ist ganz leicht, sich eine Meinung zu bilden. […] Es ist auch nicht wirklich schlimm, wenn Sie das Gegenteil denken. Hauptsache – und darin besteht die ganze 'Kunst' des Tagesthemen-Kommentars –, Hauptsache, Sie sprengen nicht den Rahmen des 'Denkens', das wir Ihnen vormachen. Wenn die Fernsehnachrichten das Faktische zur Norm erheben, dann markieren die Kommentare den weltanschaulichen Rahmen, in dem wir die zur Norm gewordenen Fakten zu sehen haben. Alles andere wäre Extremismus und also fast kriminell. Diese Denkschauspieler haben niemals nennenswerte Gedanken im Angebot, ihre Zentralaufgabe besteht darin, den Radius des politischen Denkens äußerst überschaubar zu halten.“

Eine der Techniken, der sich die Tagesschau [...] bedient, besteht darin, die Kontur des Neuen mit der Routine des Gemurmels zu tarnen und in ein allgemeines Hintergrundgeräusch zu verwandeln.“

Der letzte Weltdeutungsversuch der Tagesthemen findet als Wetterbericht statt. Es ist der einzige mit Erkenntnisgewinn.“

Quelle: 
Walter van Rossum: Die Tagesshow. Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht. 2. Auflage. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2007.
  


Freitag, 8. Mai 2015

Mein kleines goEast 2015

Der rote Kakadu ©goEast

Vor wenigen Wochen ist das fünfzehnte goEast-Filmfestival in Wiesbaden zu Ende gegangen. Aufgrund diverser Verpflichtungen konnte ich nicht alles mitnehmen, aber dafür war ich zum Beispiel bei der feierlichen Eröffnung und habe zwei tolle, aber sehr düstere Filme von Zvonimir Jurić gesehen. Einerseits muss man das nicht gut finden. Schon wieder wird man mit osteuropäischem Kino belästigt, dass uns mit für westliche Verhältnisse unzumutbaren Zuständen konfrontiert. Lokalfilmischer Elendstourismus, geeignet als Arthaus-Exploitation für saturierte westliche Gutmenschen, die sich mit Recht über die kroatischen Verhältnisse echauffieren, sie aber gleichzeitig auch aus der Ferne genießen können. Etwas überspitzt formuliert, aber da ist ja auch was dran.
Doch als ich mit den beiden Filmen im dunklen Kinosaal alleingelassen wurde, war ich persönlich ganz woanders. Ich war nicht in Kroatien, auch nicht in Deutschland, sondern an einem Ort, den es mit etwas Glück gar nicht gibt. 

Der achte Wochentag ©goEast

Eine weitere Entdeckung fand auf dem von Olaf Möller betreuten Artur Brauner-Symposium statt: der Regisseur Aleksander Ford. Ford, einer der "Architekten des volkspolnischen Films" (Möller) wurde, obwohl überzeugter Kommunist, irgendwann zu unbequem für die Oberen und sah sich gezwungen das Land 1968 zu verlassen. Es folgte eine lange Zeit der Emigration und Heimatsuche, die ihn nach Israel, Dänemark und schließlich in die Vereinigten Staaten führte, wo er sich 1980 das Leben nahm
Der achte Wochentag, die erste deutsch-polnische Koproduktion, wurde bei der Premiere 1958 von beiden Seiten gemieden, in Polen wurde der Film sogar für ein Vierteljahrhundert verboten. Der Film selbst ist unsagbar trist, ein Stück für den Hofbauerkongress, bestens geeignet für ein Double Feature mit Der Perser und die Schwedin. Ein Film über eine aufrichtige, aber schwierige Liebe. Eine Liebe, die die Aenwelt massiv erschwert, da sie von alkoholisierten Zynikern, besiegten Träumern und grauen Alltagssoldaten beherrscht wird. 

Der erste Kreis ©goEast

Der zweite Ford, den ich gesehen habe, war Der erste Kreis, eine Solschenizyn-Verfilmung, die bei der Kritik damals durchgefallen ist, weil, so Olaf Möller, der Film permanent an dem großen Schriftsteller gemessen wurde. Das Werk selbst krank an einem ziemlich unterirdischen englischen Dub und einer Darstellung von Stalin, die an diejenige von George Steinbrenner in Seinfeld erinnert. Dennoch ist Der erste Kreis ein extrem interessanter Film, der mit Gunther Malzacher einen großartigen deutschen Hauptdarsteller hat, dem man seine Melancholie und überhaput sein "Russisch-sein" komplett abnimmt.

Flucht in die Sonne ©goEast

Ein weiteres Kleinod war Menahem Golans Flucht in die Sonne, der mit Dominik Grafs Der rote Kakadu eine weitere interessante Doppelvorstellung ergäbe. In beiden Filmen geht es um die Sehnsucht nacht Flucht, nach Freiheit, um rigide politische Systeme und geradezu episch aufbereitete Liebesgeschichten. Und selbstverständlich sind beide Filme extrem stilisiert und bieten nicht unbedingt eine streng realistische, faktische Chronologie der Ereignisse, sondern reines Kino: emotional, effektreich, gewaltig. Dennoch erzählen Graf und Golan im Grunde dieselbe intime Geschichte einer unglücklichen Dreiecksverbindung zwischen Privatem und Politischen. Leise Themen, groß ausgespielt.
Aber ich bin froh, dass Menahem Golan kein Politiker, sondern Filmemacher geworden ist, andernfalls wäre die Welt ein noch chaotischerer Ort als jetzt, wenn das überhaupt möglich ist.