Willkommen daheim!

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Sonntag, 21. Dezember 2014

Die Gezeichneten - Teil 3


Am nächsten Morgen bereute ich den Entschluss, dachte aber, ich hätte es eh nicht getan. Ich hatte leidglich sehr plastisch geträumt. Trotzdem überprüfte ich sogleich mein E-Mail-Postfach um mit Entsetzen festzustellen, dass alles, wovon ich geträumt hatte, der Wahrheit entsprach. Die Nachricht, die ich an Kröger schrieb, war einigermaßen artikuliert, was mich angenehm überraschte. Ich schrieb über die Unübersichtlichkeit des Buchmarktes, über die geringen Chancen, die einem jungen Autor in der harten Welt des Raubtierkapitalismus blieben und über den Übermut der Jugend, der mich dazu veranlasste,  „Der Tod und das Leben“ bei einem unseriösen Verlag zu veröffentlichen. Aber den letzten Satz hätte ich mir trotzdem sparen können: „Sie haben meine Gefühle verletzt, und jetzt geh ich ins Bett!“
Vielleicht würde er das ja für ein rhetorisches Versehen halten, statt für das, was es ist. Aber wahrscheinlich nicht. Ich beschloss, die Sache zu vergessen, und mich endlich dem Ende meines Studiums zu widmen. Es wurde Zeit.
Das klappte auch ganz gut für die ersten paar Tage. Ich ließ mich wieder an der Uni blicken, ging zu Sprechstunden, und recherchierte Prüfungsthemen. Das Leben ging seinen gewohnten Gang, bis ich einen seltsamen Brief in meinem Briefkasten fand. Kein Absender. Nur eine handgeschriebene Nachricht: „Heute Abend um 23 Uhr in der Tiefgarage (Cinestar). Kommen Sie allein. K.“
Es war nicht mein erster Impuls, den Buchstaben K. mit Kröger in Verbindung zu bringen. Zunächst dachte ich an einen Streich, möglicherweise von Mark, dann dachte ich an eine Verwechslung. Aber der Drang zur Wahrheit war zu groß. Ich musste hingehen.

Nun wartete ich schon seit einer halben Stunde. In der Tiefgarage war es kalt und gruselig. Einsame Schritte, die durch die Dunkelheit hallten, quietschende Reifen und Alarmanlagen regten meine schlimmsten Befürchtungen an. Darüber hinaus war ich nicht der Einzige, der nachts in Tiefgaragen abhing. Ein paar Obdachlose streunten herum und musterten mich aus der Ferne. Was für ein Idiot, dachten sie sicher. Den ziehen wir ab. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Welcher Mensch machte so was? Vielleicht gab es auch keine Nachricht von K., sondern nur mein Unterbewusstsein, das sich Dinge ausdachte, die mich vom Studium abhielten. Wie dem auch sei, ich musste mein Leben dringend überdenken. Mir einen vernünftigen Job suchen. Vielleicht als wissenschaftliche Hilfskraft. Ein paar alte Freunde anrufen, die ich länger nicht mehr gesehen hatte. Mit der Sauferei Schluss machen. In eine bessere, grünere Gegend ziehen. Mir ein Fahrrad zulegen, um der Abhängigkeit von Bus und Bahn eine gesunde Alternative entgegenzusetzen. Wieder Gedichte schreiben, wie ich es während der Schulzeit getan hatte. Rosen sind rot, und…
„Herr Wasilewski?“, fragte eine Stimme aus dem Nichts.
Ich erschrak. Ich sah mich um, doch es war niemand da.
„Entschuldigen sie die Verspätung. Ich hab sie überall gesucht. Ich hätte einen genaueren Treffpunkt benennen sollen. Meine Schuld. Bitte erschrecken sie jetzt nicht.“
Plötzlich leuchteten keine vier Meter vor mir zwei grelle Scheinwerfer auf. Jemand stieg aus dem Wagen. Er stellte sich vor die Scheinwerfer, und die Silhouette eines mittelgroßen Mannes in einem Trenchcoat zeichnete sich ab. Einen Hut trug er natürlich auch.
„Wer sind sie?“
„Sie wissen, wer ich bin.“
„Herr Kröger?“
Er trat einen Schritt näher: „Nicht so laut.“
„Ich verstehe nicht ganz“, flüsterte ich.
„Reine Vorsichtsmaßnahme, hat nichts mit ihnen zu tun. Also, entspannen sie sich.“
„Leicht gesagt. Ich hab das Gefühl, dass ich jeden Moment von einer magic bullet getroffen werde.“
Kröger lachte: „Bitte, Herr Wasilewski. So wichtig sind sie nicht.“
„Ich weiß“, sagte ich bitter. „Es war nur mein Überlebensinstinkt.“
„Bitte verstehen sie mich nicht falsch. Sie sind ein großes Nachwuchstalent. Ihr Stil erinnert mich an mich, als ich jünger war.“
„Was war dann das Problem? Ich entschuldige mich übrigens für meine etwas voreilige Mail. Sie entstand im Eifer des Gefechts, und ich weiß natürlich, dass so etwas Banales wie ein Book-on-Demand nicht…“
„Seien sie still, um Himmels Willen!“, rief er.
„Wie bitte?“
„Nicht dieses Wort! Wer weiß, wer noch hier ist.“
„Also doch…“
„Ja, Herr Wasilewski. Ihr kleines… Buch, möchte ich es mal nennen, hat ihnen leider keinen guten Dienst erwiesen.“
„Aber wieso?“, fragte ich. „Es ist doch so lange her. Es war ein Unfall. Ich war jung und hatte das Geld.“ 
„Verstehen sie, in unserer Branche kommt ein BOD praktisch dem Todeskuss gleich. Wer ihn einmal erhalten hat, ist ein toter Mann.“
Ich war schockiert. Doch es war nur allzu logisch. Alles fügte sich zu einem schlüssigen Gesamtbild. Ich hatte mir mein eigenes Grab geschaufelt.
„Es ist nicht nur so“, sagte Kröger, „dass die BODs vom Buchmarkt einfach ignoriert werden. Das glauben die Meisten. Aber es geht noch weiter. Wer ein BOD verzapft hat, kann sich eine Veröffentlichung bei uns abschminken. Genauso bei den anderen etablierten Verlagen. Ihr Name kommt in ein Word-Dokument, auf eine schwarze Liste, sozusagen. Die Zuständigen tragen die neusten Namen ein, und aktualisieren das Dokument. Jede Woche kommen mehr Namen hinzu. Eine Löschung aus der Liste ist quasi unmöglich, das Dokument ist nämlich schreibgeschützt. Und man muss einflussreiche Freunde haben und Geld. Viel Geld. Aber selbst dann steht man vor enormen Hürden. Es gibt eine fünfköpfige Jury, die über jeden Fall einzeln entscheidet. Und jedes Jurymitglied hat ein Vetorecht. Wie gesagt, es ist unmöglich.“
„Aber ist das nicht etwas übertrieben?“
„Sie verstehen immer noch nicht, Herr Wasilewski. Sie glauben, es handelt sich um ein arrogantes kleines Spiel von Verlegern und Lektoren? Wachen sie auf! Sie stecken alle mit drin, die Politik, die Justiz, die Wirtschaft. Wer, glauben sie, hat zu Guttenberg fertig gemacht?“
„Den ehemaligen Verteidigungsminister? Aber… aber das würde bedeuten…“
„Ganz genau! Auch er hat in seiner Jugend so eine Dummheit begangen. Ein autobiographischer Briefroman. ‚Die Leiden des jungen Karl Theodor‘. Unter Pseudonym zwar, doch das haben die rausgefunden. Natürlich hat man in der Öffentlichkeit so getan, als ginge es um seine Doktorarbeit. Aber bei der bescheißt jeder, wie alle wissen, die so einen Titel tragen.“  
„Mein Gott.“
„Ich begebe mich übrigens in größte Gefahr, nur weil ich mit ihnen rede, Herr Wasilewski. Aber ich war wirklich beeindruckt von ihrer Arbeit.“
„Sie sagten, mein Text sei drängend, kraftvoll.“
„Das war er auch. Als ich das gesamte Manuskript gelesen habe, war ich ganz außer mir. Doch ich hatte auch Angst. Denn bei der Recherche würde rauskommen, ob sie ‚gezeichnet‘ sind. So nennen wir alle Autoren, die auf die Liste kommen. Die Gezeichneten.“
„Aber wie konnte es so weit kommen?“, fragte ich. „Haben die Verlage so viel Angst vor den neuen Entwicklungen des Marktes?“
„Die Verlage haben vor allem Angst, was ihre Stellung gefährdet. Und sie haben allen Grund dazu. Sehen sie sich das 21. Jahrhundert an. Keiner liest mehr. Alle surfen im Internet, und schauen sich Videos an von einer Durchschnittslänge von 30 Sekunden. Sinneinheiten von mehreren Minuten Länge haben keine Chance mehr. Wenn bewegte Bilder nicht mehr ziehen, was sollen tote Buchstaben dann noch ausrichten?“
„Ich lese im Internet noch.“
„Im Internet liest man nicht, man überliest. Allerhöchstens. Geben sie zu: welchen Text im Internet lesen sie wirklich ganz?“
„Erwischt.“
„Sehen sie? Deswegen ist die Marginalisierung das einzige Mittel, mit dem man diese Entwicklung wenigstens verlangsamen kann. Und es wird noch schlimmer, bevor es besser wird. Die Literatur wird noch elitärer werden. Ich hab geheime Pläne gesehen, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Verstehen sie…“
Doch bevor er seinen Satz beenden konnte, erfüllte ein unerhört lauter Knall die Tiefgarage. Kröger fiel zu Boden. Er öffnete den Trenchcoat. Eine gewaltige Wunde klaffte auf der rechten Seite. Er biss die Zähne zusammen.
„Herr Kröger!“
„Verschwinden sie, schnell! Sie werden sie sonst holen.“
„Ich komme zurück. Ich hole die Polizei und einen Krankenwagen.“
„Seien sie nicht naiv. Keiner wird ihnen die Geschichte glauben. Außerdem werden sie es gleich zu Ende bringen. Und in der Zeitung wird zu lesen sein: Berühmter Verleger erschießt sich selbst. Familie und Freunde sind geschockt.“
„Ich lasse sie hier nicht zurück!“  
„Kanzlerin Merkel sagte, Deutschland hätte einen der bedeutendsten Denker und Literaten seit der Wiedervereinigung verloren. Aus aktuellem Anlass wiederholt die ARD die Dokumentation ‚Kröger. Ein Leben wie ein gutes Buch‘. Die nachfolgenden Sendungen verspäten… sich…“
Ich überließ ihn seinem Delirium und rannte so schnell es ging. Ich hatte keine Ahnung, woher der Schuss kam. Das einzige, was ich hörte, waren ich selbst, außer Atem, und meine Schritte. Doch je näher ich dem Ausgang kam, umso mehr schien ich ein Raunen im Nacken zu vernehmen, das sich über den ganzen Raum ausbreitete. Es waren die letzten Worte des Mannes, der sich für mich geopfert hatte: „Kröger hinterlässt eine Frau… zwei Kinder, und eine Geliebte. Auf seinem Grabstein soll stehen: ‚Auch ich war gezeichnet‘“ 

Danke an Emil für die Idee

1 Kommentar:

  1. Einfach zu gut.
    Verdammt ich bin echt drauf reingefallen, habe gerade viele deiner Einträge gelesen und - ja sogar bis zum Schluss!
    Du schreibst wirklich toll, so ehrlich.

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