Willkommen daheim!

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Donnerstag, 18. Dezember 2014

Die Gezeichneten - Teil 2


Intermezzo: Die Kamikaze-Katzen

„Kann ich euch noch was zu trinken bringen?“, fragte ich.
„Nein, danke“, sagten beide unisono. Sie waren recht jung, kaum zwanzig. Die Gutaussehende hieß Marissa, und irgendwie verhielt sie sich auch so. Die Andere hieß Lisa und studierte Psychologie. Ihren Bachelor hatte sie in Wien gemacht. Jetzt wollte sie ihren Master in Frankfurt machen. Wir gingen zusammen auf den Balkon, während Mark sich mit der leeren, aber überaus hübschen Marissa unterhielt.
Sie setzte sich auf einen Stuhl und holte ihr Smartphone hervor.
„Ich zeig dir jetzt mein momentanes Lieblingslied.“
Ich war gespannt. Doch was schließlich aus ihren Lautsprechern drang, war ein typisches Club-Lied, reiner Beat, unterlegt mit Elektrosounds. Kein Gesang. Von einem Lied im eigentlichen Sinne konnte nicht die Rede sein. Von einem Lieblingslied noch weniger.
Ich nickte anerkennend. Sie lächelte. Trotzdem musste ich um eine Zigarette bitten, als sie sich eine anstecken wollte.
Sie drehte die Lautstärke auf und ließ den Blick schweifen.
„Entschädigt für die achtzehn Quadratmeter“, sagte ich.
„Was, der Blick?“
„Ja. Na ja. Manchmal.“
Sie schloss ihre Augen. Sie genoss ihre Beats. 
„Hast du nicht auch manchmal Lust“ fragte sie mich, „einfach in dein Auto zu steigen, und loszufahren? Wenn ich diesen Song höre, dann möchte ich einfach nur losfahren, und nie mehr wiederkommen. Ich möchte Gas geben, immer schneller werden, und dann gegen eine Mauer prallen. Also, nicht wirklich. Aber schon ein bisschen. Kennst du das Gefühl?“
„Na ja, ich fahr nicht so oft Auto.“
Meine Eltern wären sicher auch nicht erfreut zu erfahren, dass ich ihren Wagen, denn es wäre selbstverständlich ihr Wagen, betrunken, denn es wäre ganz bestimmt betrunken, vor die Wand fahre. Aber das verriet ich ihr lieber nicht.
Jedenfalls schaffte sie es nicht, eine Verbindung zwischen uns aufzubauen. Ich gebe zu, es lag an mir. Ich schaute manchmal rüber zu Mark und Marissa. Er schien sich auch nicht wirklich zu freuen. Und Marissa schien ununterbrochen zu reden. Ob sie dieselben bedenklichen Fantasien hatte wie ihre Freundin? Waren sie im Internet vielleicht sogar schon bekannt als die Suizid-Schwestern? Die Kamikaze-Katzen?
Lisa vergrub sich in ihr Smartphone. Der Song spielte noch. Vielleicht war es bereits ein anderer. Ich langweilte mich. Doch nicht sehr lange. Lisa stellte ihren Player noch lauter, stand plötzlich auf, ruhig und konzentriert, und versuchte dann vom Balkon zu springen. Es passierte alles so schnell. Ich dachte nicht, sondern reagierte. Ich hielt sie fest, so gut ich konnte. Sie zappelte wie ein Fisch.
„Lass mich“, schrie sie. „Ich will nicht mehr leben!“
„Immer mit der Ruhe“, sagte ich, und versuchte einen Blick auf Mark und Marissa zu erhaschen. Sie merkten nicht mal, dass wir hier ein Problem hatten.
„Nein, es ist alles sinnlos! Lass mich!“
Während ich sie so festhielt, konnte ich nicht anders, als daran zu denken, wie ich das Chaos meinem Hausmeister erklären würde. Er mochte mich ohnehin nicht. 
„Du springst jetzt nicht“, schrie ich, und entfernte sie mit aller Kraft vom Geländer. Ich setzte sie wieder auf den Gartenstuhl. Mark und Marissa hatten nichts mitbekommen. Lisa saß da, Tränen strömten ihr still übers Gesicht. Ich wollte sie um eine Zigarette bitten, doch ich traute mich nicht zu fragen.
Doch ihre Laune besserte sich zusehends. Bis die Tränen verschwanden, ihr Gesicht wieder Farbe bekam und sie ein breites Grinsen aufsetzte. Das alles spielte sich innerhalb weniger Sekunden ab.
„Du hast den Test nicht bestanden“, sagte sie. „Du bist bloß ein Spießer, wie all die anderen.“
„Wie bitte?“
„Na ja. Es ist schon spät. Wir müssen noch einen Abstecher nach Wiesbaden machen“, sagte sie, als hätten wir gerade eine gemächliche Partie Schach hinter uns.
„Um diese Uhrzeit?“
„Hab grad eine SMS von einem Freund bekommen“, sagte sie, und zeigte mir wie zum Beweis das leuchtende Display ihres Smartphones. „Er braucht meine Hilfe.“
Ich glaube, ihr entging die Ironie ihrer Aussage.
„Wieso?“, fragte ich. „Braucht er deine Fingerabdrücke auf ‘ner Waffe?“
Wir gingen hinein. Marissa erzählte Mark, dass ihr kleiner Bruder sich momentan auf Weltreise befand, und dass die Familie sich große Sorgen machte. Ihren Freund erwähnte sie auch in einem Nebensatz. Marks Gesichtsausdruck wechselte von „gelangweilt“ zu „wozu das Ganze dann?“.
„Marissa, wir müssen los“, sagte Lisa. „Es geht um Hamid. Ich erklärs dir später.“

„Was war das denn?“, fragte Mark, als ich die Beiden verabschiedet hatte.
„Das war eine interessante halbe Stunde“, sagte ich.
„War deine auch so langweilig?“, fragte er. „Meine hörte nicht auf zu reden. Es war so lähmend. Sie war absolut davon überzeugt, was Interessantes zu sagen. Außerdem redete sie pausenlos über ihren Bruder, der wohl ein Idiot ist. Das war bevor ihr beiden Turteltauben wieder reinkamt. Ich dachte mir: es ist mitten in der Nacht, ich bin ein Mann, sie nicht, lass uns das Beste draus machen, und dann schwallt sie mich zu?“
„Meine wollte bei mieser Clubmucke gegen eine Wand fahren und sterben. Vielleicht auch nicht. Aber so ähnlich. Dann wollte sie sich vom Balkon stürzen. Aber auch irgendwie nicht.“
„Frauen…“
„Mark, woher kanntest du die Beiden überhaupt?“
„Facebook.“
„Ich hoffe, das war dir eine Lehre.“
„Larissa sah nett aus. Ihr Profilfoto allein…“
„Marissa. Nicht Larissa.“
„Bist du sicher?“, fragte er.
„Ja.“
„Ich hätte es eh nicht erfahren. Ich kam kaum zum Reden. Ich hätte lieber mit der Anderen tiefschürfende Gespräche geführt.“
„Du hättest sie nur gelangweilt. Sie mag nämlich keine Spießer wie uns.“
„Und jetzt?“
„Ich bin jetzt betrunken genug, um Joachim Kröger eine weitere Mail zu schreiben“, meinte ich.


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