Willkommen daheim!

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Dienstag, 16. Dezember 2014

Die Gezeichneten - Teil 1



Eine Erik Wasilewski-Geschichte


Ich konnte es nicht glauben, als ich die E-Mail las. Ich musste sie ausdrucken, und in den Händen halten. Ich musste sie nochmal lesen, immer wieder. Bis ich endlich begriff:

Lieber Herr Wasilewski,

vielen Dank für den Auszug ihres Romans „Die Leiden des jungen Erik“. Was ich gelesen habe, klingt sehr vielversprechend, ich würde Sie also bitten, mir das gesamte Manuskript zu schicken. Selten liest man etwas so Drängendes, Kraftvolles. Ich bin gespannt.
Mit freundlichen Grüßen

Joachim Kröger

Joachim Kröger. Der Joachim Kröger. Das Aushängeschild seines Verlags, ein smarter Lektor, ein geschickter Verleger, und selbst ein meisterhafter Schriftsteller. Er hatte die ersten 30 Seiten meines Romans gelesen, und war angetan. Es war ungeheuerlich. In was für einem Paralleluniversum konnte mir so etwas schon passieren?
Ich machte Luftsprünge vor meinem Laptop, und war froh, dass mich niemand dabei beobachtete. Ich war glücklich. Einfach glücklich. So fühlte es sich also an.
Nicht, dass ich es nicht verdient hätte. Ich war ziemlich stolz auf meinen ersten Roman. 200.000 Wörter verfasst in einem Zeitraum von drei Jahren, immer zwischen Seminaren, Partys, Gelegenheitsjobs, und den Schweinehundmomenten. Das Ganze handelte von einem jungen, schwermütigen Intellektuellen, der sich von der Welt missverstanden fühlt, eine unglückliche Liebe erfährt, dann noch eine, und schließlich Selbstmord begeht. Harter Stoff.
Ich zwang meine Freunde, das Manuskript zu lesen. Den Meisten gefiel es nicht, aber sie hatten Respekt vor der Anzahl der Wörter.
„Echt nicht mein Ding“, sagte Harri Schuster, „aber mach ruhig weiter so.“
„Ich lese nur Geschichten, in denen es um was geht“, sagte Mark, „No Offence!“
„Hast du das selbst geschrieben?“, fragte Sebastian.
Doch die konnten mich nicht demoralisieren. Denn was ich schrieb wurde quasi von ganz oben abgesegnet. Der Schriftsteller Volker Herberg, ein Dichter aus der ehemaligen DDR, kam eines Tages zu einer Lesung an meine Schule. Ich war sechszehn, und hatte bereits erste Gehversuche als Autor unternommen. Herberg war der erste Schriftsteller, den ich getroffen hatte, also ging ich zu ihm hin, und erzählte ihm von meinen Kurzgeschichten und meinen Träumen, ein bekannter Schriftsteller zu werden. Zu meiner großen Überraschung hörte er mir zu, und war tatsächlich interessiert. Ich sollte ihm doch was schicken. Ich tat es, und bekam von ihm einen handschriftlichen Brief mit Kommentaren und Ermunterungen. Ihm gefielen meine Sachen. Ich war außer mir vor Freude. Da war ich, noch nicht aus der Schule raus, und kommunizierte mit Volker Herberg auf Augenhöhe. Zwei Schriftstellerkollegen, die Ideen austauschten. Ich schickte ihm ständig neues, doch irgendwann beendete er unsere Korrespondenz mit den Worten: „Sie sind jetzt an einem wichtigen Wendepunkt in ihrem noch so jungen Leben angelangt. Möchten sie Papier füllen oder Schriftsteller werden?“
Er wollte, dass ich aufhörte, ihm ständig Briefe zu schreiben, glaube ich mittlerweile. Doch damals nahm ich mir den Rat sehr zu Herzen. Ich fing an, darüber nachzudenken, was ich da eigentlich schrieb und warum. Ich hörte auf, mich für so wichtig zu nehmen. Das hielt für eine Weile an. Dann kam ich an die Uni und traf lauter Leute, die sich für wichtig nahmen. Dann fing ich wieder an zu schreiben, natürlich nur über die großen Themen: Liebe und Tod. Das kulminierte irgendwann in dem Mammutwerk „Die Leiden des jungen Erik“.
Die nächsten Tage verbrachte ich vor dem Laptop, ständig auf mein Postfach schielend. Wann würde er mir antworten? Und wie? Würde ihm der Roman gefallen? War er vielversprechend genug? Kommt er rechtzeitig zur Buchmesse raus?

Mark hatte mal wieder nichts zu tun, und quartierte sich bei mir ein. Wir diskutierten über seinen neuen Job als Veranstalter einer Kaffeefahrt auf dem Rhein, und tranken Instantkaffee.
„Haben die vom Verlag sich schon gemeldet?“, fragte er.
„Nein. Ich warte schon seit vier Wochen… irgendwas muss vorgefallen sein.“
„Die lassen jetzt nicht alles stehen und liegen, um deine Autobiographie zu lesen.“
„Das ist keine Autobiographie.“
„Nicht offiziell zumindest“, sagte er. „Übrigens, hast du gewusst, dass der Khan Cent Shop in der Bahnhofsstraße jetzt dicht macht?“
„Wirklich?“
„Kein Witz. Ich bin eben dran vorbeigefahren. Und weißt du, wer Schuld hat? Der neue T€di, der ein paar Meter weiter aufgemacht hat.“
Ich seufzte: „So werden die ehrlichen, kleinen Geschäfte verdrängt. In diesem System gibt’s keinen Platz mehr für die guten alten Cent Shops.“
„Ich hab da mal ‘ne Zahnbürste gekauft“, meinte Mark. „50 Cent. Wetten, beim T€di ist dieselbe Zahnbürste jetzt doppelt so teuer?“
„Mit dem Kapitalismus stimmt einfach was nicht“, sagte ich. „Hey, was macht eigentlich deine neue Freundin?“
„Ich möchte nicht drüber reden.“
„Was ist los?“
„Es ist mir peinlich.“
„Was denn?“
„Ich fühle mich unwohl in ihrer Nähe. Sie erinnert mich an Sami Khedira. Dieselben vollen Lippen.“
„Du hängst ja auch nur vor dem Fernseher und schaust dir die WM an.“
Es war der Sommer des Jahres 2014. Die Fußballweltmeisterschaft war im vollen Gange, und Deutschland war schon im Viertelfinale.
„Hör auf so viel Fußball zu gucken. Vor allem den Unsinn zwischen den Spielen, die sinnlosen Features und die Propaganda.“
„Ich kann nicht“, meinte Mark. „Es ist wie ein Zwang. Ich fühle mich am Puls der Zeit.“
„Warst du nicht auch am Puls der Zeit, als Russland die Krim annektiert hat?“
„Nee. Ich dachte, die gehörte denen schon längst.“
Mark war ein Feingeist, aber eine geopolitische Null. Ich beließ es dabei, und checkte Mails. Und da war sie, die Antwort von Joachim Kröger.

Sehr geehrter Herr Wasilewski,

habe ihr Manuskript nun gelesen, und muss ihnen leider mitteilen, dass es doch nicht dem entspricht, was wir suchen. Ich wünsche ihnen weiterhin viel Glück.

Joachim Kröger

Ich war mehr als ernüchtert. Zuerst schrieb ich was Drängendes, Kraftvolles (was immer das heißen sollte), und jetzt war es doch nicht das, wonach er suchte. Oder „wir“. Jetzt plötzlich im Plural. Was hatte ich falsch gemacht? 
„Was hat er geschrieben?“, fragte Mark.
„Die wollen mich nicht.“
„Mach dir nichts draus. Die wollen eh nur Geld machen. Echte, männliche Kunst ist nicht gefragt.“
Mark gebar sich gern als Dichter mit Gewehr und Schweizer Armeemesser. Obwohl seine zarten Finger sich nur fürs Klavierspielen eigneten. Aber ich war verwirrt. Irgendwas stimmte mit dieser Mail nicht. Dieser plötzliche Kurswechsel. Als hätte man ihm dazu geraten, mein Manuskript zu vergessen. Doch wieso? Es war nicht politisch, und trat niemandem auf die Füße. Es war rein mit sich selbst beschäftigt. Es war perfektes Klagenfurt-Material.
„Vielleicht haben die in deiner Vergangenheit rumgeschnüffelt und sind auf etwas gestoßen.“
„Ach du, mit deinen Geschichten…“
„Überleg doch mal“, meinte Mark. „Sie haben dich gegoogelt und etwas gefunden, was ihnen nicht gefiel. Vielleicht waren sie auch auf Facebook unterwegs. Oder Friendscout.“
„Ich bin nicht bei Friendscout.“
„Wirklich nicht? Dabei ist das deine letzte Chance. Im Netz kannst du den Mädels noch was vorlügen. In der Realität sehen die sofort was abgeht.“
„Ich bin keine so schlechte Partie“, sagte ich entrüstet. Doch Mark hatte vielleicht Recht. Was, wenn Kröger sich nach meinen Fingerabdrücken im Netz erkundigt hatte? Ein unbedarftes Foto, das jemand auf Facebook gepostet hatte, konnte bereits falsche Signale senden. Kröger und sein Verlag suchten nach ernstzunehmenden Künstlern. Die sollten natürlich auch eine weiße Weste tragen.
Was, wenn ein Namensvetter von Erik Wasilewski das Netz unsicher machte? „Wasilewski erneut nach Kneipenschlägerei festgenommen“. „Bordellbetreiber tot aufgefunden. Wasilewski unter Tatverdacht.“ „Erik Wasilewski, der berühmteste Pfandsammler von ganz Kassel.“ Es war alles möglich.
Während Mark an seinem Smartphone rumspielte, betrieb ich sorgsame Recherche im Netz. Und ich musste nicht lange suchen.
„Ich glaubs nicht“, sagte ich.
„Was hast du?“
„Ich weiß jetzt, warum Kröger mich hat abblitzen lassen.“ Ich machte eine bedeutungsschwangere Pause. „‚Der Tod und das Leben‘.“
Mark schaute von seinem Smartphone auf, und sah mich fragend an. Ich legte meine erste Erschütterung ab, stand auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Ich war wie Sherlock Holmes, der nicht nur den Fall längst durchschaut, sondern jede Ironie, die darin lag, ausfindig gemacht hatte. Mark war mein ahnungsloser Dr. Watson.
„Vor sieben oder acht Jahren, ich fing kaum an zu studieren…“
„Hat sich nicht viel geändert“, sagte Mark.
„Wie gesagt, vor sieben, acht Jahren hielt ich mich bereits für einen großen Schriftsteller. Ich hatte meine Deutschlehrer mit meinen Texten genervt. Die organisierten mir sogar eine Plattform für meine Überheblichkeit. Ich hielt Lesungen an Schulen. Ich kam gut an. Die Schüler wollten was Gedrucktes von mir haben. Und ich dachte, ja, ich bin so gut, das steht mir zu. Man soll meine Geschichten gefälligst drucken. Leider war keiner der großen Verlage interessiert. Ich war ständiger Gast auf der Frankfurter Buchmesse, und wollte mich präsentieren. Bis ich zum Stand eines Verlags gekommen bin, der mit den goldenen Worten warb: ‚Manuskripte willkommen‘. Das Ganze hatte auch noch einen seriös wohlklingenden Namen: Friedrich Schiller-Verlag. Und alle hörten sie mir zu. Sie nahmen dankbar meine Manuskripte entgegen, und schon ein paar Tage später hatten wir einen Deal. Für ein paar lumpige Euro würden sie mich verlegen, und alles dafür tun, dass das Werk einen ordentlichen Vertrieb findet, und dass für mich geworben wird.“
„Du hast deine Seele verkauft.“
„Zumindest mein Gehirn hab ich irgendwo liegen lassen. Und ich entschied mich, ein Stück von mir zu veröffentlichen. Es hatte zweihundert Seiten, hatte extravagante und elaborierte Regieanweisungen, teure Kulissen… es war praktisch unaufführbar, wie der zweite Teil von Goethes „Faust“. Dabei war es eigentlich nur ein Dialog zwischen dem Tod und dem Leben.“
„‚Das Leben und der Tod.‘“
„Nicht ganz. ‚Der Tod und das Leben.‘“
„Du hast also ein Book-on-Demand rausgehauen.“
„Ja. Es erübrigt sich zu sagen, dass es weder ordentlich vertrieben noch dafür geworben wurde. Ein Book-on-Demand ist wie ein Party Crasher, der die Gäste beleidigt, und den Schamps leersäuft, und dann noch den Nerv hat zu behaupten, er gehöre dazu.“
„Und dieses Buch geistert noch durchs Netz?“
„Ja. Es ist wie ein rachsüchtiger Geist, der mich für meinen Fehler bestrafen will. Kröger muss drüber gestolpert sein.“
„Du glaubst, er hat’s gelesen?“, fragte Mark.
„Ich weiß nicht. Eher nicht. Ich glaube, die Geste allein hat ihm nicht gepasst. Da tut jemand alles, um verlegt zu werden. Bezahlt sogar dafür. Dabei ist das Jahre her.“
„Ich glaube nicht, dass Kröger so überzogen reagieren würde. Ihm hat doch dein Manuskript gefallen. Das ist doch alles, was zählt.“
„Vielleicht.“
„Dann muss irgendwas anderes vorgefallen sein. Mach dir nicht zu viele Gedanken. Mach dich lieber auf Besuch gefasst.“
„Besuch?“
„Während du dich pausenlos selbst gegoogelt hast, hab ich zwei Mädels angeschrieben, mit denen ich seit längerem rumschäkere. Ich hab sie überredet, herzukommen.“
„Jetzt? Es ist mitten in der Nacht.“
„Keine Sorge, die bringen Alkohol mit.“
„Die Wohnung ist auch nicht besonders aufgeräumt…“
„Entweder die Mädels oder Friendscout, Erik. Also?“
„Na schön, dann sag denen, sie dürfen kommen.“
„Zu spät. Sie sollten jeden Moment da sein.“
Mark war ein echter Freund. Immer bereit zu teilen. Andererseits würden die Mädels eh nur an ihm hängen. Ich würde ihnen allerhöchstens was zu trinken einschenken. Tiefer würde unsere Diskussion nicht gehen.

Fortsetzung folgt

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