Willkommen daheim!

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Freitag, 14. November 2014

Masked and Anonymous, Larry Charles und die unergründlichen Wege des Kinos


Dieser Film ist ein kleines Wunder, weil man sich nach der Sichtung wortwörtlich wundert, wie dieser Film entstehen konnte. Ein Film mit Bob Dylan und Dutzenden von Hollywoodstars, das hört sich nach einem straighten Musikfilm an, einem Biopic oder ähnlichem. "Masked and Anonymous" ist nichts dergleichen. Regisseur Larry Charles hat es auf den Punkt gebracht, als er gesgat hat, der Film ist wie ein Bob Dylan-Song, voller kryptischer, aber auch poetischer Momente. Wie ein Puzzle, das nicht dazu da ist, gelöst zu werden. 
"Masked and Anonymous" ist ein wirrer, beunruhigender, aber auch witziger Film über die USA als Bananenrepublik (das ist mal ein Statement...), und über den Sänger Jack Fate (Dylan), der aus einem mexikanischen (?) Gefängnis entlassen wird, um bei einem Benefizkonzert fürs Fernsehen mitzumachen. Bei den Vorbereitungen für das Konzert trifft er auf allerlei bizarre Figuren wie den schmierigen Konzertveranstalter Uncle Sweetheart (John Goodman) oder den abgehalferten Journalisten Tom Friend (Jeff Bridges).

"Masked and Anonymous" ist böse gefloppt, das ist keine Überraschung, aber dass der Film überhaupt existiert, ist unfassbar. Es liegt einerseits an dem Status von Dylan, dessen Name allein viele, viele andere bekannte Namen angezogen hat und so ein gewisses Budget ermöglicht hat. Und doch hab ich das Gefühl, dass Larry Charles und Bob Dylan die Produzenten und die BBC und Sony irgendwie reingelegt haben, ihnen einen straighten, kommerziellen Film versprochen haben, und sich hinterher amüsiert haben, dass sie damit durchgekommen sind. The Joke is on you, folks! 

Mit diesem Film geht es mir wie mit dem Song "All along the watchtower". Er fasziniert mich, aber ich verstehe ihn nicht. Doch es gibt Momente, die dir Welten eröffnen, Diskurse anregen, Momente, die dir lange nach der Rezeption im Kopf herumspuken. Für die Filmkritiker war das damals zu viel. Einen Film sehen und ihn nicht unmittelbar einordnen können? Sakrileg! Prätentiöses Machwerk! Oder: "Vanity project", so hat es Roger Ebert ausgedrückt. Das ist einfach. Und das ist faul.

"One day he had a line for the movie that acually wound up being a lyric for one of his songs - 'I ain't no pig without a wig' - and I'd been working with him long enough to be able to talk to him this way, even though I admired him and worshiped him, I said, 'Bob, you know, even in this movie people aren't going to understand that line.' And he just turned to me and said, 'What's so bad about misunderstanding?' And he was right: what is so bad about misunderstanding?" (Charles im Interview)

Für mich stellt der Film eine utopische Vision des Filmemachens fürs 21. Jahrhunderts dar. So wie Godard und Errol Morris versucht haben, das Vokabular, mehr noch, die Sprache des Films zu erweitern, genauso hat es auch Larry Charles "Masked and Anonymous", aber auch mit "Borat" und "Brüno" angestrebt, und das sogar mit kommerziellem Erfolg. 
Gemeinsam ist diesen drei Filmemachern das Interesse an neuer Technik, an den Möglichkeiten des Digitalen, sowie an alternativen Wegen der Erzählens oder Darstellens mithilfe der Montage. Godard versuchte sich schon früh vom Drehbuch zu lösen, die Sprache des Schnitts vom gesprochenen Wort zu emanzipieren, während Morris vor allem die Sprache und ihre Grenzen in den Mittelpunkt gerückt hat und so, quasi nebenbei, lebendige Portraits von den unterschiedlichsten Charakteren gemalt hat, die von ihren Widersprüchen leben. 
Larry Charles hat mit "Masked and Anonymous" quasi einen spielfilmlangen Song kreiert oder auch eine Songsuite, die er mit Bildern unterlegt hat. Wobei ich den Film auf keinen Fall für eine Rockoper oder ein verfilmtes Musical oder so was halte. Der Film ist ein Dylan-Song. Er hat ein Thema, vielleicht auch mehrere, die immer wieder auftauchen. Er schafft Bilder, die mehr oder weniger skizzenhaft, expressionistisch angelegt sind. Er erzählt Geschichten, sowie Geschichten innerhalb der Geschichten. Und er hat eine unverwechselbare Stimme, die seinem Sänger und seinem Arrangeur gleichermaßen gehört.

Larry Charles ist vielleicht der einzige Intellektuelle, der eine große Karriere beim amerikanischen Fernsehen gemacht hat und sich nicht den üblichen Beschränkungen und Benscheidungen, die das Medium mit sich bringt unterwerfen musste. Bei "Seinfeld" durfte er für Sitcom-Verhältnisse ziemlich düstere und subversive Episoden schreiben und bei "Curb your Enthusiasm" konnte er sich mit dem genialen Larry David austoben. Und nach seinem Freischuss "Masked and Anonymous" hat er mit Sacha Baron Cohen und "Borat" einen großartigen Coup gelandet. Das Prinzip von "Borat" und "Brüno" geht weit über das Genre Mockumentary hinaus. Diese Filme sind Satire, Komödie, Dokumentation, Performance Art und (so wollte es die Geschichte) Blockbuster in einem. Sie funktionieren auf so vielen Ebenen, dass man nur staunen kann. Errol Morris nannte "Brüno" übrigens den besten Film des Kinojahres 2009 und das sagt eine Menge aus. 

Ich möchte "Masked and Anonymous" all jenen ans Herz legen, die sich von einem Film herausfordern lassen wollen, die keine Angst haben zu sagen: "Das hab ich nicht verstanden!", die sich nicht davon betrogen fühlen, wenn ein Film sie ratlos und vielleicht ein wenig ausgenutzt zurücklässt. Für Leute, die sich mit Larry Charles auseinandersetzen wollen, der weit mehr ist als ein brillanter Satiriker, ist der Film ein Schlüsselerlebnis. Und die Bob Dylan-Fans da draußen wissen eh Bescheid.

Ein weiteres interessantes Interview zum Film gibt es übrigens hier.


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