Willkommen daheim!

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Freitag, 10. Oktober 2014

Nur Arbeiten und nicht Spielen - Teil 1


Eine Erik Wasilewski-Geschichte

Geld wächst nicht auf Bäumen. Also geht man hinaus, und verdient es. Als Student macht das besonderen Spaß. Man studiert vor sich hin, oft auch viel Blödsinn, und kriegt dafür nichts, bezahlt sogar dafür (in vielerlei Hinsicht). Nebenbei auch noch malochen zu gehen, ist nicht immer einfach. Man muss quasi zwei Leben leben, das eine ist das simple, werktätige, und das andere hat mit abstrakten Problemstellungen zu tun, die außerhalb der Uni nicht existieren. Studentenjobs gibt’s wie Sand am Meer, wieso auch nicht, Studenten müssen von irgendwas leben. Bücher essen kann man nicht. Man muss sie ja fristgerecht zurückbringen. 
Die Leute, die Studenten Jobs anbieten sind meist glückliche Leute, da sie Studenten mit Kleingeld abspeisen können mit dem Wissen, dass sie nicht aufmucken, da sie das Geld dringend brauchen. Es gibt auch Jobs, die nur für Studenten funktionieren, da sie sich für die Anderen schlicht und ergreifend nicht rentieren würden. Über einen dieser Jobs möchte ich eine Geschichte erzählen. Mein BAföG lief aus, ich saß also auf dem Trockenen. Die Semesterferien standen vor der Tür. Der Herbst war nicht weit. Ich wusste, im Oktober, vielleicht schon im September würde ich die Miete nicht bezahlen können. Ich surfte durchs Netz, auf der Suche nach Nebenjobs. Ich schrieb ca. dreißig Bewerbungen, aus denen nichts wurde. Bis ich irgendwann einen mysteriösen Anruf bekam. Die Frau am anderen Ende der Leitung klang ein wenig abgehetzt.
„Herr Wasilewski? Anita Jürgens hier, von P-Direkt Plus.“
„Wie bitte?“
„Oh, Entschuldigung. Als sie sich bei uns beworben haben, da hießen wir noch Service Plus Direkt.“
„Ach, ja. Natürlich.“
„Sind sie noch interessiert an dem Job?“
„Na klar.“
Ich hatte mich als Studentische Aushilfe bei irgendeiner Firma beworben. Hörte sich nach einer entspannten Angelegenheit an.
„Der Posten, auf den sie sich beworben haben, den gibt es nicht mehr. Aber wir suchen noch Springer.“
„Springer?“
„Ich erklär’s ihnen. Sind sie gerade in Mainz?“
„Ja.“
„Dann treffen sie mich doch heute Nachmittag, wenn es ihnen recht ist, beim RettungsRing in Mainz.“
Der RettungsRing war eine Organisation, die von einem heute pensionierten oder toten SWR-Moderator gegründet wurde. Menschen, die Opfer von sexuell motivierten Straftaten werden, können sich an den Ring wenden, um Unterstützung zu beantragen, seelische oder monetäre. Er erinnert vom Ansatz her an den Weißen Ring, und wurde in den Medien oft als der inkompetente Bruder des Weißen Rings bezeichnet. Angeblich läuft bereits seit Jahren ein Rechtsstreit um den Namen.
Viele wissen das nicht, aber die Zentrale des RettungsRings befand sich in Mainz, genauer, in Mainz Marienborn. Für mich hieß das zum anderen Ende der Stadt zu fahren. Was ich auch prompt tat. Ich war heiß auf das Geld. Und wenn ich dafür arbeiten musste, so würde ich es tun. So verzweifelt war ich.
Der Rettungs-Ring befand sich in einem eher kleinen dreistöckigen Gebäude, schlicht und grau von außen, und von innen eigentlich auch. Frau Jürgens erwartete mich am Empfang.
„Herr Wasilewski!“
Sie begrüßte mich und geleitete mich in einen freien Büroraum. Es war dunkel, doch sie dachte gar nicht daran, den Lichtschalter zu betätigen.
„Ich war ja etwas erstaunt, dass sie sich auf diesen Posten beworben haben.“
„Wieso?“
„Nun, weil er bereits seit ca. einem Monat besetzt ist.“
„Ich habe einfach auf ihre Anzeige im Internet reagiert.“
„Aha. Und auf welcher Seite waren sie da genau?“
„Das weiß ich leider nicht mehr. Wenn sie wollen, kann ich das für sie rausfinden…“
„Ja. Bitte. Würde mich sehr interessieren, auf welcher Seite sie waren.“
„Ja.“
„Gut.“ Sie schien sich langsam zu entspannen. „Der RettungsRing sagt ihnen was, Herr Wasilewski?“
„Ja.“
„Das ist gut. Denn manche sind ein bisschen geschockt, wenn sie hier anfangen. Ich könnte ihnen einen Springer-Job anbieten, wenn sie wollen. Das heißt, wir setzen sie da ein, wo sie gebraucht werden. Unser Unternehmen hat Kunden in ganz Deutschland. Wir würden sie natürlich nur im Rhein-Main-Gebiet einsetzen. Sie sind Student, sagten sie?“
„Ja.“
„Dann können sie ja auch öffentliche Verkehrsmittel kostenfrei in Anspruch nehmen.“
„Ja.“
„Sehr gut. Das werden sie müssen. Also, sie werden viel Bahn fahren.“
„Okay.“
„Wir werden sie in Eschborn einarbeiten. Und dann sehen wir, was passiert. Wie klingt das?“
„Was soll ich denn eigentlich machen?“

P-Direkt Plus (wofür das P steht, weiß ich bis heute nicht) hatte seinen Hauptsitz in Frankfurt. Dort unterschrieb ich meinen Arbeitsvertrag. Es war Donnerstag. Ab nächster Woche sollte es losgehen. Ich war ein wenig aufgeregt. Es war nur ein Nebenjob, aber es war ein Vorgeschmack auf das sogenannte richtige Leben. Viele meiner Freunde hatten Nebenjobs. Und sie redeten oft und gern über ihre Erlebnisse bei der Arbeit. Nicht, weil die Arbeit so interessant war, sondern weil sie so frustrierend sein konnte. Anna arbeitete beim Cinestar und wurde, nach eigenen Aussagen, ausgebeutet. Vor kurzer Zeit ist sie samt ihren Kollegen in den Streik getreten. Harri Schuster war gelegentlicher Lagerarbeiter, beschwerte sich aber nicht. Das tat er nie. Dennis war Amphetamindealer und Feingeist, deshalb ärgerte er sich über seine Kundschaft, die ihm meist zu hirnlos war. Sebastian arbeitete beim ZDF, wofür ihn alle beneideten, doch er war bloß Kabelträger. Außerdem beschwerte er sich stets darüber, dass die Moderatorin der Sendung „TV-Garten“ ihn sexuell belästigte. „Schlucks runter“, riet ihm ein Kollege. „Die Alte kann dich fertigmachen, wenn sie will“.
Mark hingegen war ganz zufrieden bei „Musik Alexander“. Immerhin war er umgeben von Pianos, was ihn bis zu einem gewissen Grad beruhigte. Wenn ihn der Blues überkam, konnte er ihm Gestalt verleihen, und so tun, als wolle der potentielle Kunde eine Klangdemonstration.
Vor meinem geistigen Auge erschienen Auszüge meines zweiten Gesprächs mit Frau Jürgens von P-Direkt Plus, einer Firma, die Leute für Rezeptions- und Poststellenjobs anwarb. Was sie sagte klang abenteuerlich, ich wusste dennoch nicht genau, was ich so alles tun sollte.
„Sie haben uns ihre Tage durchgegeben, an denen sie arbeiten können“, sagte sie, „das heißt, es kann passieren, dass wir sie an einem dieser Tage um sechs Uhr morgens anrufen, weil jemand ausgefallen ist. Sie dürfen ihr Handy nicht ausschalten.“
„Es kann auch passieren, dass wir sie an ihrem Einsatzort anrufen. Vielleicht brauchen wir sie für den Nachmittag anderswo.“
„Wir werden sie natürlich nichts nachts anrufen oder so was. Aber schalten sie ihr Handy ja nicht aus!“
„Sie verdienen ganz gut bei uns!“
„Beim RettungsRing sollten sie, sagen wir mal, etwas robuster sein. Aber das sind sie ja, das sehe ich ihnen an.“
„Wir haben so viele Probleme mit Leuten, die einfach ihr Handy ausschalten. Also ich bitte sie inständigst, ihr Handy nicht auszuschalten.“
„Niemand wird ihnen ein Bein ausreißen, wenn’s mal nicht so läuft. Sie sind Springer, die Leute wissen das.“
„Und was studieren sie? Ach ja, interessant! Und was macht man dann damit?“
„Bitte schalten sie ihr Handy bloß nicht aus!“
Ich befand mich in der Nähe der Hauptwache. Ich kannte die Straße. Ein Comicladen befand sich irgendwo in der Nähe, den ich früher öfter aufsuchte. Ich hatte das verrückte Bedürfnis, wieder hineinzugehen. Er erinnerte mich an eine einfachere Zeit. Ich lebte noch zuhause, ich hatte gerade angefangen in Frankfurt zu studieren. Ich musste auch nicht arbeiten. Meine Wochenenden waren frei. Freitags nach der letzten Veranstaltung machte ich mich auf den Weg in den Comicladen. Ich sah den langhaarigen Verkäufer mit dem Batman-T-Shirt, der in irgendeinen hippen Garth Ennis-Comic vertieft war. Er grummelte ein Hallo, und las weiter. Es war sonst niemand da. Der Laden war von einer angenehmen Stille erfüllt. Der Lärm von draußen schien jene heiligen Hallen nicht zu erreichen. Es lief nicht mal Musik. Ab und zu warf ich einen Blick auf den Verkäufer. Ich hatte ihn nie nach seinem Namen gefragt. Ob der Laden genug Geld abwarf? Er schien sich keine Sorgen zu machen. Sein Gesicht war speckig, aber faltenfrei. Er rasierte sich sicher nur einmal die Woche. Er musste nicht erwachsen werden. Hier nicht. Er hatte die Welt ausgetrickst. Aber auch ich hatte keine Sorgen, wenn ich freitags hier reinspazierte. Ich war zuhause.
Ich kaufte nicht immer was, manchmal war ich nur am Stöbern. Ich flanierte durch den Comicladen. Blieb mal vor einer Neuausgabe stehen, dann wieder vor einem Heft, das niemand je zu kaufen schien. Ich blätterte darin herum, und dachte, vielleicht kaufe ich es nächste Woche.
Irgendwann musste ich die Uni wechseln, und landete in Mainz. Ich mietete ein Apartment, begann zu arbeiten. Mein Abschluss verzögerte sich immer weiter. Ich lernte viel über das Leben. Ich hörte auf, Comics zu lesen.
Ich lief durch die Straße, aber ich fand den Laden nicht wieder. 

Fortsetzung folgt
 

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