Willkommen daheim!

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Montag, 18. August 2014

Reingerutscht - Teil 1


Eine Erik Wasilewski-Geschichte 

Ich hatte da so ein Tief. Ich bemerkte es erst, nachdem es sich schon eine Weile bei mir eingenistet hatte. Es gibt kein Gefühl, dass dir plötzlich sagt: „Es ist da! Bring dich in Sicherheit!“ sondern du realisierst irgendwann, dass du schon seit einigen Monaten ziemlich durchhängst in deinem Leben. Du hast nicht viel erreicht karrieretechnisch, du warst immer seltener unterwegs, du hast keine Frauen kennengelernt. Und du realisierst, dass du in deinen achtzehn Quadratmetern auf der Couch hockst, und deine Finger hastig über die Fernbedienung gleiten. Du kratzt deinen Dreitagebart, und das Fernsehen kotzt dich nur noch an. Du denkst, es erschlägt dich mit seiner organisierten Stumpfheit, aber du zappst dich weiter durch das trostlose Programm.
Dabei fing alles so vernünftig an. „Ich muss jetzt mal pausieren, und mir Gedanken darüber machen, in welche Richtung ich in Zukunft gehen will.“ Klingt wohlüberlegt, war aber nur das Präludium zur tristen Couchexistenz. Mein kleines Appartement wurde zu meinem Lebensmittelpunkt. Meine kleine Zimmerpflanze wurde zu meinem Kind, das ich hegte, pflegte, und liebevoll mit Leitungswasser ernährte. Meine kleine Kaffeemaschine war mein Animateur am Morgen. Meine kleinen Hanteln lagen in der Ecke, wo sie hingehörten. Meine kleine Küchenecke war mein Fünf-Sterne-Restaurant, das mich mit allerlei Köstlichkeiten aus der Fertigküche verwöhnte. Mein kleiner USB-Ventilator schenkte mir die sanfte Böe, die ich im Sommer so dringend brauchte.
Meine Couch war gleichzeitig mein Bett, was unheimlich praktisch war, so brauchte ich oftmals gar nicht aufzustehen. Denn wenn es hieß, raus aus dem Bett, konnte ich mir einreden, ich säße bereits auf der Couch. Die kleinen Schlupflöcher im Leben.
Manchmal stand ich vor meinem Fenster, sah in den Hinterhof, in die Wolken, in die Sonne, in die hoffnungsfrohen Gesichter meiner Hartz IV-Nachbarn. Wir schienen uns manchmal direkt in die Augen zu blicken, aber nicht sehr lange.
Ich begann mittags Bier zu trinken (morgens kriegte ich keins runter), aber daran konnte ich mich nicht gewöhnen. Ich schlief davon schnell ein. Manchmal lag ich einfach auf dem Boden, weil mir die Couch so furchtbar auf die Nerven ging. Und schlief ebenfalls ein.
Irgendwann lag ich also auf dem Boden, in Fötushaltung, und dachte: ich hab wohl ein Tief.
In den Semesterferien tendierte ich schnell zum Durchhängen und Faulenzen, aber das war tatsächlich eine andere Dimension. Ich ging ins Bad und betrachtete mein müdes Selbst im Spiegel. Ich sah aus wie Howard Hughes. Also wie der schrullige Phobiker, nicht der gutaussehende Milliardär. Aber das waren ja beides dieselben.
Es musste was getan werden. So duschte ich, rasierte mich, und brachte endlich den Müll raus.
Ich ging an die frische Luft. Ein Spaziergang würde mir guttun. Immerhin konnte die USB-Ventilatorluft nicht mit reinrassiger Stadtluft konkurrieren. Die Stadt roch vielleicht nicht nach Pinien und frischer Minze, dafür roch sie nach Leben. Nach Abfall, Abgasen, Blut, Schweiß, Nestle, und dampfender Hundescheiße, aber es war echt. Ich war ganz aufgeregt wieder in der Welt der Lebenden zu wandeln, und tänzelte durch die vernachlässigten Straßen, den Jazzklassiker „I’ll see you in my dreams“ vor mich hinpfeifend. Dabei rempelte ich aus Versehen einen Flaschensammler an, der offensichtlich Mühe hatte, die enorme Menge an Pfandflaschen, die in löchrige Einkaufstüten gepfercht wurden, zu transportieren. Er ließ zwei Tüten fallen, woraufhin einige Flaschen rauskullerten. Er sah mich wütend an.
Du Arschloch!“
Tut mir leid“, sagte ich, „ich hab sie nicht gesehen.“
Ich beugte mich vor um ihm zu helfen, die Flaschen wieder einzusammeln, doch er stieß mich weg.
Verpiss dich oder ich hau dir auf die Fresse!“
Ich wollte doch nur helfen!“
Das machte ihn nur noch wütender, und er machte Anstalten, aufzustehen, um mich mit geballter Faust davonzujagen. Ich lief davon, und verkroch mich wieder zuhause. So schnell ging es wohl nicht, aus dem Tief herauszukommen.

Der Vorfall machte mir Gedanken. Wer hatte eigentlich das größere Problem? Der irre Pfandsammler oder ich? Er ging wenigstens raus, und machte was. Auch wenn er ziemlich gemeingefährlich schien. Ich blieb zuhause und ernährte mich von Konserven. Es musste sich was ändern.
Ich wollte schreiben. Ich hielt mich immer für einen zukünftigen Schriftsteller. Nur schrieb ich nie. Aber war mein Zustand nicht ideal, um zu schreiben? Deprimiert, am Boden, pleite, die heilige Dreifaltigkeit der Kreativität. Aber so einfach war das nicht. Wut war für mich immer ein inspirierender Faktor. Ich war momentan jedoch auf niemanden wütend. Vielleicht ein wenig auf den Pfandsammler. Sollte ich über ihn schreiben? Oder darüber, dass ich gerne schreiben würde? Darüber, dass ich vergeblich versuchte, Alkoholiker zu werden? Das war übrigens ein gutes Stichwort. Sogleich machte ich eine Flasche Rotwein auf, der meine sardonische Seite lockern sollte.
Ich schrieb tatsächlich ein bisschen, was meine Laune etwas verbesserte. Ich hatte wieder Lust, meine Freunde zu sehen. Andererseits hatte ich Bedenken, weil sich niemand bei mir meldete. Nicht mal eine SMS. Ich griff zu meinem Handy und merkte, dass es aus war. Der Akku musste irgendwann alle gegangen sein, und nun war es wochenlang aus. Ich lud es wieder auf, und merkte, dass ich 20 verpasste Anrufe und 15 SMS hatte. Da fühlte ich mich noch ein wenig besser.

Fortsetzung folgt

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