Willkommen daheim!

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Dienstag, 8. Juli 2014

Der Mensa-Zoo



Eine Erik Wasilewski-Geschichte 

Kochen war unter meiner Würde. Lieber würde ich widerliche, für die Massen abgefertigte Pampe essen, als mich freiwillig in meine Küche zu bewegen. Die Küche war der Ort, wo der Kühlschrank stand, wo das Bier gelagert war. Und die Fertigpizza.
Kochen war etwas, das man für jemanden tat, meist aus Liebe. Ich hatte nie viel Liebe für mich übrig, also wieso jemanden bekochen, der einem die meiste Zeit nur auf die Nerven ging? So speiste ich des Öfteren in der Mensa der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, wo ich manchmal studierte. Ich saß nie mit den gleichen Leuten in der Mensa, was natürlich mit unterschiedlichsten Stundenplänen zu tun hatte. Mit meinem Freund Arne esse ich montags und mittwochs. Dienstags schaue ich, ob ich jemand bekanntes wiedersehe, und donnerstags esse ich mit Dennis, Sebastian und Harri Schuster. Über letzteren wunderte ich mich stets, da er so gar nicht in die Universitätslandschaft passen wollte. Er hatte ein Babyface, das niemals auch nur den Ansatz eines Bartes zierte, einen nicht unbeträchtlichen Bierbauch, war aber gleichzeitig unfassbar stark, und konnte Bier trinken wie Wasser. Jeder Arzt würde ihm wahrscheinlich schweren Alkoholismus attestieren, aber darüber würde er nur lachen. Er funktionierte. Er funktionierte immer. Wenn er wollte.
Er studierte Sportwissenschaft, und war bei den Kommilitonen wohl nicht sehr beliebt. Vor allem weil er sie in jeder Sportart schlagen konnte. Er war die Ruhe selbst, und kannte die verrücktesten Leute. Durch ihn lernte ich Dennis kennen, Chemiestudent und Amphetamindealer, sowie Christoph Krösus, Langzeitstudent und –depressiver, und Sebastian, einen radikalen Kiffer. 

  

Während wir so dasaßen und uns eine lächerliche Parodie von Spätzle zu Gemüte führten, redeten wir über andere verrückte Leute, die die Mensa so heimsuchten.
Was macht der Rapist eigentlich?“, fragte ich.
Den hab ich neulich wieder gesehen“, meinte Dennis, „das hättet ihr sehen sollen. Er saß allein an einem leeren Tisch, bis zwei Asiatinnen ankamen, und sich dazusetzten. Er setzte sich um, direkt neben die Beiden, und begann ein Gespräch.“
Der lernt’s nie“, meinte Harri.
Ich hab das von weitem beobachtet, deswegen weiß ich nicht genau, was er gesagt hat, aber ich glaube, die Asiatinnen haben ihn erst nicht verstanden. Entweder war ihr Deutsch nicht so gut oder er murmelte irgendwas Unanständiges vor sich hin.“
Die haben bestimmt an einer Stelle des Gesprächs das Gesicht verzogen“, sagte ich.
Das stimmt. Das Trauerspiel ging noch eine Weile so weiter, bis er irgendwas gesagt haben musste, was die Beiden verstimmte. Kurz danach sind sie aufgestanden und gegangen.“
Der Rapist war ein ehemaliger Student, der, vermuten wir, keinen Abschluss hatte und dazu bestimmt war, wie ein Geist die heiligen Hallen dieser unseren Lernstätte unsicher zu machen. Er arbeitete ab und an als Lateinlehrer (Aufpassen Mädels, wenn am Schwarzen Brett ein Aushang auftaucht, beginnend mit den Worten „Latein!! Latein!!“), was er aber weniger als Einnahmequelle, sondern als günstige Gelegenheit nutzte, sich jungen, wehrlosen Studentinnen aufzudrängen. Vielleicht war er harmlos, er war immerhin noch da und saß nicht im Knast, aber ganz dicht war er sicher nicht. Wenn „Latein!! Latein!!“ es nicht brachte, konnte er immer noch auf die Mensa zurückgreifen, und auf den Überraschungseffekt setzen. Die meisten Mädels, die er bedrängte, waren viel zu perplex, um ihn fortzujagen. Erst nach einigen Minuten merkten sie, was das für ein Typ war, und da war es schon fast zu spät, ihn abzuwehren. Er war hartnäckig. Er war auch dickbäuchig, mindestens 45 Jahre, und trug einen schmierigen Zopf, der ihn endgültig als potentiellen Pornoregisseur typecastete.
Der Rapist war mal Langzeitstudent, das wissen wir von Christoph Krösus, dem dessen Eskapaden bereits vor fünfzehn Jahren auffielen.
Habt ihr den Christoph eigentlich mal wieder gesehen?“, fragte ich.
Der stand vorhin noch neben mir“, sagte Dennis, „wir haben beide den heutigen Speiseplan studiert. Das sag ich übrigens jetzt immer, wenn mich jemand fragt, was ich studiere. Den Speiseplan der Mensa!“
Sehr witzig. Und Christoph?“
Er wollte eigentlich mitkommen. Aber er scheint sich irgendwann davongetrübt zu haben.“



Christoph verschwand immer, wann man es am wenigsten erwartete. Anders als der Rapist war Christoph alles andere als aufdringlich. Er schien seine Anwesenheit oft genug als Bürde zu sehen, und verweigerte sich deswegen die meiste Zeit der Außenwelt. Christoph hatte viel Ahnung, nach 30 Semestern darf man das auch, aber er befand sich in einem besonderen Stadium der Depression, die die Meisten gar nicht erst erreichen, weil sie sich wahrscheinlich längst umgebracht hätten. Zweimal mindestens. Er hatte die meisten Gefühle, positive wie negative, hinter sich, sowie die meisten Wünsche und Begierden des Lebens. Manchmal beneidete ich ihn, weil ich seine ruhige, zurückhaltende, fast bedächtige Art mit einer Art Zen-Gleichmut verwechselte. Als würde er die Welt aus der Vogelperspektive betrachten, und viel besser verstehen, was sich da unten abspielte. Doch dem war nicht so. Er steckte, seit mindestens zehn Jahren, wenn nicht mehr, in einer ernsthaften Krise, die sein Leben blockierte. Der Zen-Gleichmut war eine Ohnmacht gegenüber dem Leben, worin er eine Routine reinbrachte, die mich vor allem eines lehrte: das Leben geht weiter, ob es dir gefällt oder nicht.
Manchmal fragte ich mich, ob die Abwesenheit von Wünschen, bzw. das Nicht-Erlauben von derartigen Gedanken, nicht auch eine Abwesenheit von Ängsten mit sich brachte. Vielleicht war Christoph Krösus ein angstfreier Mensch. Wovor sollte er auch Angst haben? Er hatte so viele Fehler bereits begangen, sogar mehrfach. Seine schlimmsten Befürchtungen sind längst eingetreten. Wie tief kann jemand wirklich fallen? Es musste doch ein Ende geben.
Er ist doch längst unser Maskottchen geworden“, sagte Sebastian, und versuchte eine Kameraderie zu beschwören, die meiner Meinung nach nicht existierte. Harri und ich wechselten einige besorgte Blicke. Er macht wieder einen auf beste Freunde, sagten seine Augen.
Er fasziniert mich, aber er deprimiert mich auch“, sagte ich. „Ich will ihn nicht in meinem Privatleben, aber ab und an will ich eine Kostprobe seiner Vorstellung. Versteht ihr?“
Plötzlich war ich ehrlich, und wusste nicht wieso. Sebastian schaute mich verständnislos an.
Wir können ihn ja buchen“, sagte er. „Damit er mal ein bisschen Geld verdient.“
Ist er nicht verschuldet?“, fragte Dennis.
Stress mit der Krankenkasse.“
Christophs Geschichten waren oft unfassbar deprimierend. Aber sie klingen auch absolut abgestumpft. Als hätte er dieselben Storys Jahre zuvor mit verzweifelter, tränenerstickter Stimme jemandem anvertraut. Heute klingt „Mein Leben ist sinnlos“ wie „Ich muss noch Milch einkaufen“. Abstumpfung ist auch eine Art zu überleben.
Was ist eigentlich aus Cheng geworden?“, fragte Dennis. „Ich sehe ihn gar nicht mehr.“
Weißt du’s nicht?“ Harri verschluckte sich fast an seiner Cola. „Der ist zurück in China. Hast du keine Mail bekommen?“
Ihr schreibt euch Mails?“
Er schreibt uns allen Mails.“
Ich hab keine bekommen.“
„Ich leite sie weiter.“
Seit wann ist er wieder zurück?“
Paar Wochen, nicht mehr. Ich glaube, keiner wollte seinen Film finanzieren.“
Cheng war ein äußerst schillerndes Mensa-Phänomen. Ein verrückter Chinese, Mitte 40 mindestens, der eine alte Fliegeruniform trug, und manchmal sogar eine Deutschlandfahne schwenkte. In der Mensa. Er versuchte auch „Heidi“ umzudichten und Angela Merkel in den Text zu schummeln, doch er scheiterte meist am Metrum. Wir sahen ihn ein paar Mal seine Show abziehen, bis wir ihn irgendwann an unseren Tisch holten. Cheng war großer Deutschlandfan, zumindest hatte er viele Deutschland-Accessoires dabei, unter anderem auch kleine Fähnchen, die er an die Studenten verteilte. Er erzählte uns, er wäre Austauschstudent, aber das war schwer zu glauben. Außerdem wäre er Filmregisseur. Er hatte stets ein Fotoalbum dabei, das er manchmal hervorholte, um uns Portraits von chinesischen Schauspielerinnen zu zeigen, mit denen er schon mal gedreht hätte. Wir kannten keine der Damen, aber wir kannten uns auch nicht aus.
Irgendwann bemerkte Dennis am schwarzen Brett des Fachbereichs Filmwissenschaft einen Aushang: „Suche Darsteller für eine moderne Filmversion der alten chinesischen Geschichte der Drei Chinesen mit dem Kontrabass“. Darunter Chengs Handynummer und E-Mailadresse.
Vielleicht war Cheng auch nur eine chinesische Version von Simon Gosejohann, ein Anarcho-TV-Komiker, der die Deutschen aufs Korn nahm und sie dabei mit versteckter Kamera filmte. Oder er war ein Satiriker, der sich deutscher geben wollte als es die Deutschen waren. Ich hoffe, er schreibt mal wieder.
Wir aßen brav unsere Mahlzeit, und gingen daraufhin eine Etage höher in die Mensaria, wo das Essen teurer war und der Kaffee besser schmeckte. Irgendwann gesellte sich auch Christoph Krösus zu uns.
Wo warst du denn?“
Wer, ich?“, nuschelte er. „Ich war unten, ich hab euch nicht gefunden. Oder ihr habt ihr euch versteckt. Oder ich hab mich vor euch versteckt.“
Wir werden bald Nachbarn“, sagte Dennis, „ich hab jetzt ‘ne Zusage bekommen. Ich ziehe in die Richard Schirrmann-Straße!“
Mit den ganzen Pennern und Studenten?“, sagte ich, „Dann viel Spaß!“
Ach, der Christoph beschwert sich doch auch nicht.“
Was, wer ich?“, fragte Christoph.
Ist doch schön in der Richard Schirrmann-Straße oder nicht?“
Na ja. Ich glaube mein Nachbar schreit immer den Fernseher an. Oder seine Katze. Zumindest schreit keiner zurück. Im Treppenhaus hat jemand in die Ecke gekackt. Wohl kein Hund. Und letzte Woche sprang einer aus dem fünften Stock. Aber es war nicht tief genug. Er hatte überlebt, und war nach dem Aufprall noch bei Bewusstsein. Soll wohl viel geschrien haben.“
Das tun die Meisten, die tief fallen“, sagte Sebastian. „Nur du nicht, Christoph.“
Christoph grinste.


Danke an Simon für die Inspiration

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