Willkommen daheim!

Willkommen daheim!

Mittwoch, 18. Juni 2014

Woodys Beste - Randnotizen zu Mickey Rose und Marshall Brickman

Szene aus "Simon" (1980)

Viele Filmemacher sind neidisch auf den Status von Woody Allen. Jedes Jahr darf er einen Film machen, und kriegt sogar noch genug Publicity, um im Gespräch zu bleiben. Vor nicht allzu langer Zeit hat er mit „Midnight in Paris“ sogar seinen größten Erfolg verbuchen können, und Cate Blanchett gewann den Oscar für „Blue Jasmine“.

Doch auch sein autonomer Auteur-Status kam nicht von ungefähr, diesen hat er sich mithilfe vertrauter Kollaborateure erarbeitet. Und obwohl er heute vor allem als alleiniger Autor bekannt ist, haben ihm zwei Freunde den Weg dafür geebnet: Mickey Rose und Marshall Brickman.

All these years, I’ve been secretly naked underneath my clothes.“
„Student Bodies“ (1981)

Allens erste Hollywooderfahrungen haben ihm gar nicht zugesagt. Die Dreharbeiten zur James Bond-Parodie „Casino Royale“ empfand er als dümmlich dekadente Angelegenheit, und sein erstes Skript „What’s new, Pussycat?“ wurde gerade in der zweiten Hälfte zu einem wirr durchgeknallten Swinging London-Unsinn, der zwar Spaß macht, aber den Urheber eher ernüchtert zurückließ. Seitdem legte er viel Wert auf die richtigen Mitarbeiter. Seine ersten Skripts schrieb er, viel intimer geht es kaum, mit seinem Schulfreund Mickey Rose. Allens ersten Filme, „What’s up, Tiger Lily?“, „Take the Money and Run“ und „Bananas“ sind weniger Filme als Nummernrevuen, für die die Beiden Gags am laufenden Band produzierten. Die Filme sind anarchisch, spöttisch, albern, und nehmen Politik, Gesellschaft und Popkultur gleichermaßen aufs Korn. Es wäre daher zu einfach, Allens erste Slapstickfilme (oder Slapstick überhaupt) als oberflächlich abzutun, als „reine“ Komödien, die nichts anderes wollen als die Leute zum Lachen zu reizen. Gerade „Bananas“ ist in seiner politischen Unverfrorenheit von ungeheurer Frische. Noch heute kann man nur staunen, wie clever hier Staat und Gesellschaft vorgeführt werden. Die Überhöhung durch den rasend-surrealen Witz bringt Allens Thesen über Demokratie und Diktatur, gesellschaftliches Engagement, Medien und Justiz auf den Punkt. 
Mickey Rose war vor allen Dingen ein Gag-Lieferant, worauf er auch seine Karriere aufgebaut hat. Deswegen blieben seine Kinoausflüge auch eher sporadisch. Seinen einzigen Regie-Credit für die Slasherfilmparodie „Student Bodies“ hat er sich nicht als Künstler, sondern als Strohmann verdient: wegen eines Streiks der Writer’s Guild musste Regisseur und Produzent Michael Ritchie im Hintergrund bleiben. Rose übernahm quasi Allens Rolle aus Martin Ritts „The Front“, und gab sich als alleiniger Regisseur und Autor der Posse aus.

„Nothing lasts forever. Not even a toaster.“
„Simon“ (1980)

Marshall Brickman ist der andere wichtige Name, der für Allen richtungsweisend war. Brickman begann als Musiker (Soundtrack für „Deliverance“), wurde dann Witzeschreiber, und freundete sich irgendwann mit Woody an. Die Beiden begannen Skripts miteinander zu schreiben. Funktionierte „The Sleeper“ noch ähnlich wie „Bananas“ & Co., ebnete „Annie Hall“ den Weg zum „ernsten“ Film. Allen sollte diesem Impuls mit „Interiors“ endgültig nachgeben.
„Annie Hall“ und „Manhattan“, so unterschiedlich beide von der Inszenierung her sind, befassen sich beide sehr nachdenklich mit den Themen Liebe und Beziehung, und haben einen eher pessimistischen Unterton.
Danach gingen beide getrennte Wege. Und Brickman, auch aufgrund des Drehbuch-Oscars für „Annie Hall“, sah seine Chance gekommen, als Regisseur zu reüssieren.
Sein erster Film „Simon“ ist eine einfallsreiche Satire mit Sci-Fi-Elementen, die von ihrer Attitüde her stark an „The Sleeper“ erinnert. Der Uni-Prof Simon (göttlich: Alan Arkin) wird von einem geheimen Think Tank der US-Regierung zum Versuchskaninchen: ihm und den Medien wird eingeredet, er wäre ein Außerirdischer. Ziel des Versuchs ist es, einfach zu schauen, wie die Leute darauf reagieren. Doch die Situation gerät außer Kontrolle, wenn Simon seine Verantwortung wahrnimmt, sich als Messias geriert, und die Welt mit der Macht seiner öffentlichen Präsenz verändern will. Er soll eliminiert werden.
„Simon“ ist ein Rundumschlag gegen die Regierung, Medien, Sekten, Machtmenschen und Egozentriker (wie Simon selbst). Im Gegensatz zu heutigen Filmen, die der Kredibilität wegen einen (stets falschen) Naturalismus demonstrieren müssen, traut sich „Simon“ einfach, Verrücktheiten und exzentrischen Blödsinn abzufeiern: der fünfköpfige Think Tank, zu dem übrigens auch Wallace Shawn, William Finlay und das Familienoberhaupt aus „Alf“ gehören, kommunizieren häufig mit einem allwissenden Computer, der wie ein riesiges Telefon aussieht, und auf den Namen Doris hört. Die Sektenmitglieder, zu denen Simon im letzten Drittel des Films stößt, beten das Fernsehen an. Ein Auszug aus der Predigt: „And after seven years, ‚Mary‘ was cancelled. And after ten years, ‚Lucy‘ was cancelled, yeea! Even after twelve years, was ‚Uncle Miltie‘ cancelled. Thus are we all cancelled eventually!“
Ein Highlight ist ohne Zweifel die Szene, in der Simon die gesamte Menschheitsentwicklung in fünf Minuten nachvollzieht. Das muss man gesehen haben. Arkin war selten besser.
Brickmans zweiter Film „Lovesick“ war leider nicht so überzeugend, sondern erinnert an eine mäßige Woody Allen-Kopie. Die Geschichte um einen verliebten Psychiater bietet zwar viel Potential und auch eine Menge Freud-Witze, aber der Funke springt nicht über, und die Energie des Erstlingswerks ist verpufft, trotz der illustren Besetzung, bestehend aus Dudley Moore, Elizabeth McGovern, Wallace Shawn, Alec Guinness als Freud (!), John Huston (!!), sowie anderen bekannten Schauspielern und Filmemachern.
Von seinem dritten Film „The Manhattan Project“ hatte ich mir persönlich nichts erhofft. Zu Unrecht. Selten hat mich ein Film so überrascht: ein ebenso witziger wie satirischer Thriller um einen genialen Schüler, der eine Atombombe baut, um damit einen Wissenschaftswettbewerb zu gewinnen. John Lithgow spielt den naiven Wissenschaftler, der vom Militär gegen ihn ausgespielt wird. Und obwohl ich mich stets vor ihm gegruselt habe (dank Brian de Palma), war er hier unerhört verletzlich. Eine sehr filigrane, subtile Vorstellung vom Meister der Überzeichnung.
Dazu hat der Film unglaublich spannende Sequenzen zu bieten. Brickman ist auch als Regisseur gereift.
Was alle seine Filme eint, ist ihr latent rebellischer Gestus. Er erzählt von Individuen, die sich der Enge ihres Spielraums stets bewusst sind; die ihre Grenzen stets ausloten; die lieber ihrer Überzeugung folgen, als sich der Spielregeln zu beugen. Garniert mit manchmal albernem, manchmal lakonischem Humor ist das geradezu unwiderstehlich.
Doch waren seine Filme nicht sonderlich erfolgreich, also war irgendwann Schluss mit Regieführen. Dafür hatte er Erfolg als Librettist des „Addams Family“-Musicals und des Musicals „Jersey Boys“. Erst Musiker, dann Witzeschreiber, dann Drehbuchautor, dann Regisseur, schließlich anerkannter Librettist. Eine Karriere, die er selbst nicht zum Nachmachen empfiehlt. Trotz anfänglichem Erfolg hat er eher angeeckt als sich dem gleichmacherischen Hollywood-Apparat hingegeben. Doch es ist schön zu sehen, dass Talent irgendwann doch seine Nische findet.
In einem Interview aus den frühen Achtzigern sagte er, dass er gerne einen Film pro Jahr drehen würde. Doch das war in Hollywood lediglich Woody Allen vergönnt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen