Willkommen daheim!

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Mittwoch, 11. Juni 2014

Kultur und Botanik



Dies ist die erste von vielen Geschichten über Erik Wasilewski, einem nutzlosen Studenten, der sich für den nächsten Marcel Proust hält.




Es war schon halb eins, doch ich klickte mich noch immer durchs Netz, auf der Suche nach Literaturwettbewerben. Keine Ahnung, ob ich masochistisch veranlagt bin oder bloß optimistisch, aber ich war wieder bereit, meine Texte auf die Welt loszulassen. Und zuzusehen, wie irgendwelche Nieten die Hauptpreise abstaubten, während ich wieder leer ausging, und gezwungen war, in meinem Kellerloch zu bleiben und zu schreiben.
Ich schreibe noch nicht einmal mehr aus Überzeugung, sondern weil ich mich daran gewöhnt habe. Vor zehn Jahren habe ich vielleicht noch Spaß dabei gehabt, Geschichten zu erfinden, und sie meine Freunde lesen zu lassen. Ich musste sie noch nicht mal jemandem zeigen, der schiere Akt des Fabulierens und Drauflosschreibens war einfach großartig. Damals kannte meine Fantasie keine Grenzen. Ich schrieb über Vampire, Barbaren, Außerirdische, aber auch über Freunde und Freundes Freunde. Alles war aufregend. Heute ist nichts mehr aufregend, aber so läuft das wohl. Heute schreibe ich jedenfalls besser als vor zehn Jahren. Das nennt man wohl Fortschritt. Der Erfolg allerdings hat sich noch immer nicht eingestellt. Aber was heißt schon Erfolg? Ich will ja keinen Nobelpreis oder eine Million auf der Bank (obwohl...). Ich will Feedback. Und ich will verlegt werden. Claudia Effenberg wurde verlegt. Ich will nicht sagen, ich hätte doppelt so viel zu sagen wie sie, denn sie hat ja nichts zu sagen. Aber Claudia Effenberg wurde verlegt. Da wäre es nur fair, wenn ich auch eine Chance bekäme. Vielleicht ist das ja der Schlüssel. Sex. Der Freund von einem C-Promi werden, der Freund von Micaela Schäfer zum Beispiel. Natürlich weiß in spätestens zwei Jahren kein Mensch mehr, wer das ist, aber das ist immer noch genug Zeit, um sich zu etablieren. Aber auch die Micaela will sich nicht mit weniger bekannten oder reichen Typen als sie selbst abgeben. Nur den Männern ist der Status einer Frau scheißegal, Hauptsache, die straffen Brüste wippen im Takt zu 50 Cent auf dem italienischen Ledersofa. Ich kann’s ja verstehen.
Hier, ein neuer Wettbewerb: „Kurzgeschichten zum Thema: Die Zeiten ändern sich – ‚The Times they are a’changin‘. Bob Dylan hat es zu seiner Zeit am besten ausgedrückt. Und heute ist es nicht anders! Was durchlaufen wir doch für einen ständigen Wandel, dank Google, Facebook, Smartphone & Co. Das hat viele Vorteile, doch bleibt auch einiges auf der Strecke. Wann habt ihr zuletzt angehalten um an einer Blume zu riechen? Wann wart ihr zuletzt im Bus, und habt mal keine Mails gecheckt? Wann wart ihr das letzte Mal in eurer Stadtbücherei? Und was glaubt ihr wie verwirrt eure Großeltern erst sein müssen, bei dem ganzen Trubel? Das pfälzische Institut für Kultur und Botanik schreibt zum dreißigsten Mal seinen Kurzgeschichtenwettbewerb…“
Und so weiter. Wenn bereits die Vorgaben der blanke Horror sind, wie muss man sich erst die Beiträge vorstellen? Und wer sitzt in der Jury? Grundschullehrer und Landschaftsgärtner, Durchschnittsalter 75? 1. Preis: eine Darmspiegelung? 2. Preis: zwei Darmspiegelungen? Und so fort.
Mit so was muss man sich rumschlagen, wenn man noch nicht angekommen ist in dem großartigen Literaturbetrieb, mit Bestsellerschwachsinn auf der einen und Burkhard Spinnen und Peter Handke auf der anderen Seite. Und mittendrin Daniel Kehlmann. Man kann wohl nur verlieren. Aber hey, es ist mittlerweile nach eins, und meine Gedanken drehen sich nur noch im Kreis. Ich sollte ins Bett. Hat jemand die Nummer von Michaela Schäfer?

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