Willkommen daheim!

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Freitag, 22. März 2019

Kino 2018. Eindrücke (II): Green Book


Der Duden definiert Humor als „Fähigkeit und Bereitschaft, auf bestimmte Dinge heiter und gelassen zu reagieren“. Die Reaktionen der amerikanischen Unterhaltungspresse auf die Komödie Green Book waren oft alles andere als heiter und gelassen, vor allem nach dem Oscarsieg des Films. Die Betroffenheit im digitalen Blätterwald war massiv: Der „falsche Film“ hätte den Best Picture Award heimgeholt. Skandal! Was bei dieser Nichtkontroverse übrigens nicht thematisiert wird, ist die Tatsache, dass es kein Richtig oder Falsch geben kann bei einer Preisverleihung, in die man sich erst einmal einkaufen muss:
Oscar campaign budgets for films seeking nominations in multiple categories, such as “A Star Is Born,” “Roma” and “First Man,” can run from $20 million to $30 million as companies compete with each other to out-wine and dine awards voters, according to insiders at the various studios and streamers. (Matt Donnelly)
Der Kampf um den Oscar ist nicht durch hehre Motive gekennzeichnet: Es ist ein eitler Millionensport. Es geht um Geld und Prestige und nicht um Repräsentation, wie es viele Journalisten gerne hätten. Und um Qualität geht es natürlich auch nicht. Das nur vorweg.

Black enough / White enough

1962: Der Italoamerikaner Tony (Viggo Mortensen) wird von dem schwarzen Pianisten Don Shirley (Mahershala Ali) als Fahrer und Bodyguard für eine Tour durch den amerikanischen Süden engagiert. Unterwegs freunden sich die beiden unterschiedlichen Männer nach und nach an.
Green Book ist ein klassisches Buddy Movie, vielleicht ein bisschen zu sehr Oscar bait, aber auch clever gemacht. Das Dilemma eines privilegierten schwarzen Pianisten, der weder „black enough“ noch „white enough“ ist, zeugt von einer gewissen Komplexität. Es ist gar nicht so sehr die Geschichte von Schwarz und Weiß, die sich annähern müssen: Hier geht es vor allem um Klassenverhältnisse. Rassismus findet im zeitlichen Kontext statt, er durchdringt das Narrativ und muss daher nur selten wirklich ausbuchstabiert werden:
The film implies that there is no “safe” place for blacks because the entire country — from Tony’s kitchen in the Bronx to a concert hall in Georgia — is infected with racism, whether it’s overt, passive or institutional. (Kareem Abdul-Jabbar)
Für die Kerngeschichte spielt Rassismus weniger eine Rolle als der Klassenunterschied zwischen Don Shirley und seinem Fahrer Tony. Das Nichtdazugehören von Don ist das, was ihn nicht nur von Tony (der zur italo-amerikanischen Community gehört), sondern auch von „seinen“ Leuten unterscheidet. Die bittere Ironie: Als privilegierter Außenseiter steht Don zwischen seiner Herkunft und seiner Stellung. So führt er ein einsames Leben. Damit ist er nicht unbedingt das Paradebeispiel eines Afroamerikaners in den 1960er Jahren. Das untergräbt natürlich Erwartungen. Erwartungen, die ihrerseits vielleicht gewissen Stereotypen entspringen?


Stereotypen

Peter Farrellys Film spielt mit Stereotypen – was ihm wiederum mehrfach als Stereotypisierung ausgelegt wurde. Die Darstellung von Klischees sei per se klischeehaft. Genauso bedenklich wirkt die Humorlosigkeit, mit der dem Film begegnet wird. Das zeigt sich vor allem an der „berüchtigten“ KFC-Szene (da denke ich persönlich eher an William Friedkins Killer Joe). Es gibt kaum ein Review, das diese Szene nicht für ihre Unangemessenheit geißelt. Wie kann Tony es wagen, Don beizubringen, wie man Brathähnchen isst? Dabei vergisst man jedoch, auf wessen Kosten der Witz geht. Tony bringt Don nicht bei, „fried chicken“ zu essen, sondern macht sich lächerlich, indem er es überhaupt versucht. Das ist die klare Intention dieser Szene.
Außerdem ist das gegenseitige Aufziehen Teil des Freundschaftsprozesses, ohne den auch keinerlei Dynamik aufkommen würde. Der Philosoph Slavoj Žižek bringt es auf den Punkt: „How do you become really friendly? You exchange a small obscenity.“ Und was ist ein Buddy Movie schon anderes als der stetige Austausch von „kleinen Obszönitäten“?
Möglich auch, dass ohne die beiden Hauptdarsteller das alles nur halb so gut funktionieren würde. Man stelle sich nur Kevin James in der Rolle des Tony vor. Der Film wäre dahin.

White Saviour?

Viele Kritiker behaupten, der Film erzähle die Geschichte von Don Shirley lediglich durch die Augen seines (weißen) Fahrers. Das ist nicht korrekt. Der Film erzählt die Geschichte einer Freundschaft und dazu gehören nun mal mindestens zwei. So wie Amadeus nicht die Geschichte von Mozart erzählt, sondern die Rivalität zwischen Mozart und Salieri zum Thema hat (genau wie in dem Theaterstück, auf dem der Film basiert).
Man könnte aber auch sagen, der Film erzählt die Geschichte eines kleinen Fahrers, der auf eine große Persönlichkeit trifft. Was daran wäre unangemessen? Es gibt viele Filme, in denen große Künstler oder bekannte Persönlichkeiten aus der Sicht von „Nebenfiguren der Geschichte“ porträtiert werden. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist Warren Beattys Rules don’t apply, der die Geschichte des Fahrers des Millionärs Howard Hughes erzählt (ist das jetzt alterdiskriminierend Warren Beatty gegenüber?). Es ist ein altbekannter dramaturgischer Kniff. Bret Easton Ellis schreibt dazu:
“Progressive” critics slammed Green Book as a white savior movie (did I actually watch the same film?), but this particular situation would have made no dramatic sense (and been unbearable) if it had been Shirley's story. Since it's Tony's story, the movie is able to lightly mock both men on their road journey toward acceptance and friendship, which is what makes the film so fun to watch. Maybe the fake-woke entertainment press would've solely preferred the Noble and Refined Black Man Schooling the Dumb, Racist White Guy version, and then they wouldn't have to be campaigning against the movie and shaming Academy voters into not supporting Green Book for best picture. (Bret Easton Ellis)
Dass die Familie von Don Shirley Kritik an dem Film geübt hat, wird als weiterer Beweis der unsensiblen Herangehensweise der Filmemacher gedeutet. Als wäre der Film besser geworden, wenn die (schwarze) Familie mehr Einfluss auf die (weißen) Filmemacher hätte ausüben dürfen. Muss man es eigentlich noch sagen? Das ist ein Film und keine Dokumentation. Er ist „inspired by“, nicht „based on true events“. Fiktion: etwas, wofür man früher ins Kino gegangen ist. Selbst, wenn Tony und Don niemals Freunde gewesen sein sollten (wie die Shirley-Familie behauptet), ist das für den Film absolut irrelevant. Denn wir haben es hier mit Fiktion zu tun. Was ist also so diskreditierend an einer angedichteten herzlichen Freundschaft? Regisseure wie von Donnersmarck gehen weitaus obszöner mit historischen Fakten um (wie Werk ohne Autor erneut beweist).

Kontroversen

Journalisten und andere Meinungsmacher hatten, je näher die Oscarverleihung rückte, versucht, den Film auf verschiedene Arten abzuwerten und ihn sogar in die Nähe eines Donald Trump zu rücken:
There is something uncomfortably Trumpian about Green Book’s victory—and not just because its now Oscar-winning screenwriter, Nick Vallelonga, is a kindred spirit in anti-Muslim conspiracy theory. Like our current president, the movie weathered a campaign beset with controversy: Beyond those since-deleted tweets, the PR team had to contend with the film’s star saying the N-word on stage, with the Shirley family publicly disputing the characterization of the central relationship, and with the unearthed revelation that Farrelly used to whip out his penis on set as a prank. In any other year, just one of these scandals might have toppled the film’s Oscar chances. But Green Book survived it all. Sound familiar? (A. A. Dowd)
Da hat man ganz schöne Kontroversen zusammengetragen: 20 Jahre alte Genitalscherze, ein dummer Tweet und die bloße Erwähnung des N-Worts in einer Diskussion. Ja, der deskriptive Gebrauch eines rassistischen Schimpfworts, die Veranschaulichung eines Beispiels wurde Viggo Mortensen zum Verhängnis. In einem Diskussionsforum sprach Mortensen mit Elvis Mitchell über den Film, als sich folgendes zugetragen hatte:
Mortensen spoke about cyclical and generational use of hate speech, according to several audience members in attendance. (…) He used the N-word specifically as an example of speech that’s no longer common in conversation. But still, it’s (sic) use in the moment “shifted the energy” of an otherwise meaningful and poignant conversation, one of the individuals present said. (Matt Donnelly)
Produzent Jordan Horowitz reagierte übrigens auf Vallelongas Twitter-Kontroverse folgendermaßen: „Nick Vallelonga wrote Green Book. My industry just gave him a Golden Globe for writing. This remains on his timeline. Mahershala Ali is a Muslim, and a beautiful, generous and kind man.“
Woher das Bedürfnis, den einzigen involvierten schwarzen Künstler ungefragt in Schutz zu nehmen? Vor wem? Vor was?
Das Verhältnis von Horowitz und vor allem der Unterhaltungspresse zu Ali zeigt auch, wie inkonsequent und unehrlich die von Befindlichkeiten durchsetzte Kritik an dem Film ist. Alis Performance in dem Film wird nämlich durchgehend gelobt. Aber würde der Film allen Ernstes Rassismus oder Stereotypen Vorschub leisten, wäre die Tatsache, dass ein schwarzer Muslim sich für so etwas hergibt, nicht regelrecht skandalös? Sollte es da nicht Onkel-Tom-Vorwürfe* hageln? Doch so etwas würden sich die (wahrscheinlich überwiegend weißen) Kritiker nicht trauen.

Lob der Analyse

Es gibt auch kluge Stimmen zum Film, das darf man nicht vergessen, wie zum Beispiel Owen Gleibermans Variety-Kritik zeigt: „It has been called a white-savior movie — though, in fact, it is not. (The two characters save one another, which is a very different thing.)“
Ein Film, der tatsächlich mit einem glasklaren white saviour daherkommt, wurde seinerzeit von hippen Entertainmentjournalisten frenetisch gefeiert: Es war Django Unchained. Dort rettet der eigentlich amoralische Kopfgeldjäger Christoph Waltz Jamie Foxx vor dem Galgen und echauffiert sich über Leonardo DiCaprios Rassismus und stirbt den Märtyrertod dafür. Auch dafür gab es den Oscar.
Zurück zu Green Book: Eine der prägnantesten Charakteranalysen über Don Shirley, die ich in der Entertainment Press lesen durfte, stammt vom früheren Basketballstar Kareem Abdul-Jabbar. Über die Filmfigur (!) Don schreibt er:
The character of Shirley is alienated from his sense of self-identity as a musician who wants to play classical music but is forced to play popular music and as a black man who is too educated to be embraced by some blacks but still treated by whites as less than human. He’s also alienated from his own sexuality. He has so much to hide from the outside world that he’s created an acceptable persona for that world. To show him cut off from his family, whatever the facts, is an effective way to emphasize the loneliness and despair that people like him endure. (Kareem Abdul-Jabbar)
Diese Kritik wird der Komplexität der Figurenzeichnung gerecht, die für so einen leichten und harmlosen Film doch recht ungewöhnlich ist. Auch wenn der Film ganz klar Viggo Mortensens Show ist, so hat Mahershala Ali die viel schwierigere Aufgabe, eine vielschichtige Figur mit ganz viel Understatement anzureichern, ohne ihre charakterliche Schwere aus den Augen zu verlieren. Wie spielt man Einsamkeit? Oder wie zeigt man sie? Sowohl Farrellys Inszenierung als auch Alis subtiles Spiel geben eine elegante Antwort.
Abdul-Jabbars Kritik ist erfrischend, konzentriert sie sich doch auf das Werk und nicht auf Repräsentation, Ideologie oder was ihm persönlich besser ins Bild passen würde. Damit ist er einer der wenigen.


* "Uncle Tom" is a derogatory term to describe a black man who "acts white" and "talks white", or who is a sell-out to his own race. A black man who kisses white people's asses, and who will turn his back on other black people to keep the approval of whites. 

Quellen:

https://film.avclub.com/green-book-s-big-oscar-victory-proves-that-the-academy-1832883064

https://www.hollywoodreporter.com/news/kareem-abdul-jabbar-truth-green-book-controversy-1175540

https://www.hollywoodreporter.com/news/bret-easton-ellis-year-oscars-finally-got-gay-right-1187022

https://spex.de/green-book-nein-rassismus-ist-kein-feel-good-thema/

https://www.theguardian.com/film/2019/jan/10/green-book-film-makers-hit-controversies-peter-farrelly-nick-vallelonga

https://www.townandcountrymag.com/leisure/arts-and-culture/a25737971/don-shirley-green-book-movie-true-story-accuracy/

https://variety.com/2018/film/news/is-green-book-woke-enough-viggo-mortensen-mahershala-ali-1203035102/

https://variety.com/2019/biz/awards/oscar-campaign-spending-1203113199/

https://variety.com/2018/film/news/viggo-mortensen-n-word-green-book-1203024519/

https://www.vulture.com/2018/11/green-book-spoon-feeds-you-but-it-goes-down-easy.html

https://www.urbandictionary.com/define.php?term=Uncle%20Tom

https://www.zeit.de/kultur/2019-01/gerhard-richter-florian-henckel-von-donnersmarck-werk-ohne-autor



Donnerstag, 7. März 2019

Kino 2018. Eindrücke



The House That Jack Built

Die Funktionsweise der Waffe entspricht in erster Linie der Funktionsweise des Auges: etwas ins Auge fassen. Ob Jäger oder Krieger, sie müssen, bevor sie ihr Ziel treffen können, immer versuchen, es zu erfassen, es zwischen ihrem Augenwinkel und der Kimme der Waffe auszurichten, genauso wie ein Kameramann die Kamera auf den Gegenstand, den er abfilmt, ausrichten muß. Die Aufforderung: „Ruhe, wir drehen“ unterscheidet sich also nicht sehr von der Aufforderung: „Ruhe wir schießen.“
Paul Virilio, Krieg und Fernsehen (Deutsch bei Hanser)

Irgendwann im Laufe des Films wurde mir bewusst, dass die Morde des Serienkillers lediglich eine Metapher für die Arbeit des Regisseurs sind. Jack ist Lars. In diesem ungemein persönlichen Werkstattbericht sehen wir Jack (Matt Dillon) ständig Leute inszenieren und arrangieren. Er komponiert den passenden Shot (mit dem Gewehr oder sogar der Fotokamera), zeigt Riley Keough wie man richtig schreit und zerbricht sich ständig den Kopf darüber, ob das, was er macht, auch wirklich große Kunst ist.
Was der Film uns hingegen über Serienkiller erzählt, könnte jeder aus seinem popkulturellen Gedächtnis selbst herbeizitieren (mit etwas Hilfe von Wikipedia). Nein, das ist ein Metafilm, ein ziemlich humorvoller noch dazu. Etwas überlang, aber Lars ist ja genauso ein Narziss wie Jack. Und dass von Trier sich in dieser selbstreflexiven Rückschau ausgiebig selbst zitiert, versteht sich wie von selbst (auch die Cannes-Kontroverse und die Björk-Episode sind präsent, mal mehr, mal weniger deutlich).
Der Film ist auch ein ironischer Kommentar darüber, was die Zuschauer von einem Lars-von-Trier-Film erwarten: Kontroverse! Entweder um sie zu genießen oder sich darüber zu echauffieren. Und dafür verdient es Lars natürlich in die Hölle zu kommen. Der Schelm.
Schade nur um die intensive Performance von Matt Dillon, der hier zum Opfer der Egomanie seines Regisseurs wird. Aber auch das gehört zu den Themen des Films: das rücksichtslose Vorgehen gegenüber Figuren wie Schauspielern und alles nur zur Befriedigung des eitlen Künstler-Egos!    



Cold War

Ich mag Synkopen in der Musik und ich mag Synkopen in der Kunst. Ich mag es, die Erwartungen der Zuschauer zu unterwandern, nicht vorhersagbar von A nach B zu gehen, sondern von A nach F zu springen wie im Jazz und zu fragen: Was passiert jetzt? Es ist viel aufregender, mit Synkopierungen zu arbeiten, mit Überraschungen und wechselnden Akkorden.
(…)
Konzentriere dich aufs Kino, auf die Musik, auf die Bilder, auf starke Momente und langweile mich nicht mit der Prosa des Lebens. Ich weiß, dass auch manchmal genau das Gegenteil wahr ist, dass es toll ist, der Prosa des Lebens beizuwohnen. Filmemacher, die dem Realismus verschrieben sind, können das wunderbar, aber mich treiben eher Beats und Synkopen an.
Pawel Pawlikowski im Interview

Die Bilder von Pawlikowskis Cold War verfolgen mich noch immer. Der Film ist wahrscheinlich mein Film des Kinojahres 2018. Interessant, dass er auf der Festivalschiene so gut ankommt und Preise abstaubt, vereinzelt aber auch sehr kalt und distanziert aufgenommen wird. Es wird hier aber auch nichts ausbuchstabiert. Cold War erinnert einen daran, wie kraftvoll es sein kann, etwas nicht zu sagen. Der Film ist konzentriertes Filmemachen, voller großartiger Bilder und vor allem unvergesslicher Gesichter (Kulig und Kot). Aber der wahre Schlüssel ist der Soundtrack von Marcin Masecki, zwischen Folklore und Jazz pendelnd (auch Glenn Gould spielt eine Rolle, genau wie in The House That Jack Built). Emotionen implodieren in diesem Film auf kunstvollste Weise, ohne, dass man den Eindruck bekommt, einer nüchternen Fingerübung beizuwohnen.
Viel weniger Eindruck hatte Ida auf mich gemacht, auch beim kürzlichen Wiedersehen. Nicht, dass er nicht interessant war. Pawlikowskis Filme sind alle irgendwie interessant, die Dokumentarfilme vielleicht etwas mehr als die Spielfilme. Aber das verdichtete, synkopische Erzählen war nie so mitreißend und so präzise wie in Cold War. Pawlikowski hat keine Geduld für alles, was nicht essentiell ist. Alles, was zählt, ist da und noch viel mehr. Hinter den Bildern liegt Schwere. Über den Bildern schwebt Geschichte. Lakonie ist Romantik.


Freitag, 18. Januar 2019

quote unquote: Americana


"Why is it that all the advertising people I've ever known want to get out?" I said. "They all want to build their own schooners, plank by plank, and sail to the Tasman Sea. I know a copywriter at Creighton Insko Dale. At lunch one day he started to cry."
"I love the business," my father said. "It's dog eat dog. It's a crap game in an alley for six million bucks. Where else can a man like me make the kind of money I make? I have the right brand image. You know that as well as I do. Wall Street would kick me out on my ass. But at my age I don't worry about money anymore. I've been reading Tolstoy. Every man feels he has a novel in him. He feels he has a novel and a Eurasian mistress. Tolstoy makes me want to write a novel. Your mother was ill a good deal of the time but she had something these bitches today couldn't touch. My secretary? Maxine? She has soap under her fingernails. Seven out of eight times I look at her fingernails I see little slivers of soap. Compare that with your mother. At my age you come to realize that you did everything wrong. No matter who you are, everything you did was wrong. Maybe I'll turn Catholic." 

Don DeLillo, Americana

Freitag, 30. November 2018

„Guilt and Shame” – Suspiria 2018


Anstatt eine Kritik über Luca Guadagninos Remake von Suspiria zu schreiben, möchte ich ein paar Gedanken formulieren, die im bisherigen Diskurs nur wenig Beachtung gefunden haben. Überhaupt waren viele Kritiken, die ich bis jetzt gelesen habe und die meist aus dem cinephilen Umfeld stammen, überschwänglich positiv, wenn nicht euphorisch.
Diese Kritiken wirken oft bedenklich, viel bedenklicher als Suspiria 2018 selbst, weil das krude und zerfahrene Geschichtsverständnis, das der Film bietet, nicht hinterfragt, sondern einfach abgenickt wird.

Und man muss es schon etwas genauer nehmen mit der Geschichte, sie ist nun mal das Thema dieses Films, der kein wirkliches Remake von Dario Argentos Film und auch kein Horrorfilm ist, eher eine verkappte Version von Kubricks Aryan Papers, gehalten in einem kalten, sterilen Kunstgalleriestil. Mit „Trivialstoffen“, wie Argentos Original möchte dieser Film nichts zu tun haben (und ich rede hier nicht über die Intentionen des Regisseurs, der ein großer Fan von Argentos Film ist): „Suspiria 2018“ ist „ein dramatisch entwickelter Stoff, der um ein vielfaches ambivalenter und emotional komplizierter als das Original ist“. (Frédéric Jaeger)

„Ganz interessant, wie dieser Film mit deutscher Schuld (…) spielt.“

Die Figur, an der sich die Geisteshaltung des Films am prägnantesten ablesen lässt, ist die des Psychoanalytikers Klemperer (ein provokativer und zutiefst irritierender Verweis auf Victor Klemperer): ein alter Mann, der das Dritte Reich überlebt hat und regelmäßig von seiner Schuld malträtiert wird (Schuld woran, möchte man fragen? Dass er während des Dritten Reichs nicht emigriert ist? Dass er nicht, wie die Hexen sagen, „auf seine Frau gehört hat“? Dass seine Frau im Lager umgekommen ist und er nicht?). Es ist eben nicht die Tragik dieses Schicksals, das hier thematisiert wird, sondern die Schuld. Sein gefälschter Ahnenpass wird oft eingeblendet, Nachweis der „arischen Abstammung“. Für den Rettungsversuch soll sich geschämt werden. Für Beatrice Behn trägt Klemperer sogar eine gewisse, wenn auch diffuse, Mitschuld am Aufstieg des Nationalsozialismus, weil er nicht „gehandelt“ hat: „Er ist auch der schweigende Mann, der aus guten Gründen nicht über den Krieg reden will, kurzum er ist der Vertreter eines schon lang andauernden Machtsystems namens Patriarchat.“
Selbst wenn der Holocaust einem den geliebten Menschen entreißt, ist man also noch immer irgendwie mitschuldig – man ist eben Mann. Ein rein spekulativer Geschichtsrevisionismus ist das. 

In einer amerikanischen Kritik intensiviert sich die Kritik an Klemperer:
„But when he’s pulled into the school comes the reveal (while the witches castigate him) that his wife warned him they should leave Germany, but he never listened. Just as he never listened to his female patients who were telling him the truth. Just as men never listen when women tell them things that are true. This shadow truth, the idea that Klemperer did not heed her warnings, is the guilt that drives everything about him.“
Das ist, um es nochmal klarzustellen, nicht einfach nur der Film, der da spricht, sondern die Kritikerstimmen. Doch geht der Film eine verstörende Komplizenschaft mit ihnen ein. Das ironisch gebrochene Spiel von Tilda Swinton in „Manface“ zum Beispiel wirkt wie blanker Hohn. Klemperer tapst und röchelt vor sich hin, eine bizarre Karikatur des Alters. Dazu verkennt er den Hexenzirkel zunächst als weibliche Hysterie. Ahnungslos wie er war, als er damals den Ahnenpass für sich und seine Frau fälschte*, in der Hoffnung, es wird alles gut, so ahnungslos ist er also noch immer. Aber weil er irgendwie auch Opfer ist, darf er schließlich überleben, ohne jedoch seinen comic-relief-character abzulegen. Wie vermessen kann ein Film sein?
Eine Kritikerin des Deutschlandfunk dazu lapidar: „Es ist ganz interessant, wie dieser Film mit deutscher Schuld auch spielt.“
Patrick Seyboth bescheinigt dem Film sogar eine „Kühnheit“, was seinen Geschichtsbezug betrifft: „In einem Okkultismusplot um Macht und Manipulation findet er den Wahnsinn der deutschen Geschichte wieder und hält ihm den Genre-Zerrspiegel vor.“
Zerrspiegel ist das Stichwort. Mag der Versuch an sich kühn sein, ist er weder adäquat noch gelungen, sondern zutiefst verzerrend. Was für ein Bild wird hier (ganz beiläufig) von Holocaustüberlebenden vermittelt? 

Doch manchen Kritikern ging diese Verballhornung nicht weit genug:
„Because we live in a current state in America where no one is remembering the lessons of America’s ugly underside. And I’m not talking about the naked hate of far-right fascists. I’m talking about those who, like Klemperer, ‘didn’t realize Trump would be this bad.’ And even now, many older white people still fail to grasp the horrific gravity of the situation or stare the horrors of our current day in the face.”
Klemperer als „older white male“, der die Katastrophe vor der eigenen Haustür erst erkennt, wenn es zu spät ist, der damals gefälligst hätte handeln sollen. Das ist nicht einmal mehr herablassend. Und der bizarre Bezug auf Trump bedarf keines weiteren Kommentars.
Überhaupt steht das männliche Geschlecht hier fast schon als Symbol für Rückständigkeit und Faschismus (sowie dessen stillschweigende Duldung). Was die Kritik (die Berliner Fraktion vor allem) überschwänglich begrüßt: „Dort draußen geht etwas vor sich, das mehr ist als nur ein Rahmen für das, was in den Häusern passiert. Eher spiegeln die äußeren Unruhen die inneren Tumulte, die entstehen, wenn zu lange Männer den Ton angeben.“ (Frédéric Jaeger)



„Mutter Markos, Mutter Meinhof“

Die Verbrechen der RAF, die analog zum pseudofeministischen Hexenzirkel verstanden werden müssen, werden in Suspiria 2018 permanent verharmlost. Dass Arbeitgeberpräsident Schleyer entführt wurde, scheint halb so wild, war doch auch er ein Nazi. „Mutter Markos, Mutter Meinhof“. Unerheblich, dass die RAF 1977 (zum Zeitpunkt der Handlung) bereits rege Kontakte zur Stasi hatte und sich zu weiten Teilen instrumentalisieren ließ (wie es terroristische Organisationen früher oder später zu tun pflegen). Die RAF funktioniert hier einfach als Gegenentwurf zum Nazismus. Das plakative Statement ist wichtiger als die Komplexität politischer Zusammenhänge. Rüdiger Suchsland schreibt: „Frauenmacht steht hier gegen Männermacht, Hexen gegen Nazis – in einem ganz prinzipiellen Sinn. Die Taten der Hexen werden zu den Taten der RAF, werden zu einem Akt des Widerstandes, auch des symbolischen, gegen das Überleben der Nazi-Macht in Gestalt westdeutscher Wirtschafts- und Beamteneliten.“ Der Zweck heiligt die Mittel. Bloß nie wieder Deutschland.

„We need guilt and shame“, sagt Dakota Johnson gegen Ende des Films und spätestens jetzt wird klar, dass hier eine Erinnerungskultur beschworen wird, in der es eben nicht um Auseinandersetzung und Verarbeitung geht, sondern um Schuldzuweisung und Denunziation. Emotionalisierung statt Aufarbeitung. Selbstgerechtes Handeln statt selbstständiges Denken.
Doch all das scheint für die Kritik kein Problem zu sein, ganz im Gegenteil. Dafür wird man immer wieder auf den angeblichen Feminismus der Hexen verwiesen, die allen Ernstes als „empowered women“ wahrgenommen werden. Deutschlandfunk Kultur hat sogar einen „Feminismus-Check“ gemacht. Eine Kulturwissenschaftlerin dazu:
„Es ist die Verneinung der heteronormativen Familie, Ehe, aber auch der Kinderzeugung, die dort diskutiert wird. Es ist ein gelungenes, gut eingebettetes Reimagine, das auf die dem Genre immer wieder vorgeworfenen Genrestereotype reagiert, deren Nutzung vermeidet.“
Dabei darf auch ein Seitenhieb** auf Argentos Original nicht fehlen:
Auch vermeide der Film die „Schöne weibliche Leiche“, wie sie im Original von Dario Argento mit „weit aufgerissenen Augen, aufstehenden toll geschminkten Mündern“ zelebriert werde (...).
Ein perfektes Beispiel für etwas, das Bret Easton Ellis in seinem Podcast oft bespricht: „Ideology trumps aesthetics.“ Egal, was für krude Ideen das Remake vermittelt – es besteht den „Feminismus-Check“. Purer Ästhetizismus? Wie elitär!
Im Gegenteil kommt die pure Ästhetisierung Argentos eher wie eine kühne Provokation daher. Heute mehr denn je.

Ich behaupte nicht, dass all das der Intention von Guadagnino und Drehbuchautor David Kajganich entspricht. Aber der Film, eine wirre Mischung aus historischer Ungenauigkeit und Trend-Ideologie, spricht eine deutliche Sprache. Und das sollte man so nicht einfach stehen lassen.

Kunst / Trash

Und sonst? Was meinen persönlichen Eindruck betrifft, präsentiert sich Suspiria 2018 farb- und humorlos, platt und zäh. Das Splatterfinale ist nur lächerlich und frivol, will Ekstase sein und ist doch nur Olaf Ittenbach. Auch hat man oft das Gefühl, in alte Europud-Zeiten katapultiert zu werden, wo viel schlechtes Englisch (und auch schlechtes Deutsch) gesprochen wird. So wird das Schauspiel auch mehr zu einem Deklarieren, was ja auch sehr gut zum Kunstgalleriegestus des Ganzen passt. Dass der Film sich in den Kunstkokon hüllt, hält ihn aber nicht davon ab, gleichzeitig Trash zu sein. Und nicht zu knapp.

Auch die vielen Kritikervergleiche zu Andrzej Zulawskis Berlin-Film Possession (1981) sind unangebracht. Eher kommt einem der trübe Berlinale-Gewinner Touch Me Not (2018) in den Sinn, ein unterkühltes Kunstprojekt auf der vergeblichen Suche nach Intimität.  
Und auch wenn es unfair ist, das Ganze mit Argentos Suspiria zu vergleichen: Im direkten Vergleich ist das alles einfach nur freudlos. Niemals sinnlich. Immer klinisch. Gefangen in seiner eigenen intellektuellen Echokammer (hier sei nochmal auf Touch Me Not verwiesen).
Richard Brody hingegen fasst es so zusammen (und damit soll es auch gut sein): „The result is sordid, flimsy Holocaust kitsch, fanatical chic, with all the actual political substance of a designer Che T-shirt.“







*ein recht pietätloser Insider-Gag im Übrigen, versucht doch Guadagnino seit geraumer Zeit Stanley Kubricks eingestelltes Filmprojekt The Aryan Papers wiederzubeleben.

**so zum Beispiel auch in der taz, die so richtig überschäumt: „Guadagnino hat Argentos Werk komplett zerstört, um etwas Neues, etwas Besseres zu erschaffen.“


Quellen:

https://www.artechock.de/film/text/kritik/s/suspir0.htm

https://www.critic.de/film/suspiria-12106/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/neu-im-kino-suspiria-der-tanzschul-horror-im-feminismus.2156.de.html?dram:article_id=433461

https://www.deutschlandfunkkultur.de/suspiria-remake-von-luca-guadagnino-in-venedig-horror-als.2156.de.html?dram:article_id=427165

https://www.epd-film.de/filmkritiken/suspiria

https://www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/suspiria-2018

https://www.newyorker.com/culture/the-front-row/review-luca-guadagninos-suspiria-is-the-cinematic-equivalent-of-a-designer-che-t-shirt?fbclid=IwAR0giVUTXyhplH28h4c-URh8aiU-OQZ-0x6AQ4rsp0LBTPKQjVuY9f4jw9g

https://observer.com/2018/10/film-crit-hulk-the-shadows-of-guilt-in-suspiria-are-all-too-timely/

http://www.taz.de/!5548281/